Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

Der Kosmos vor einem Keßergericht. 141 ' 
man doch endlich die Hoffnung aufgeben, daß der Menſch als 
Menſ< das Ganze je erkennen werde. Man wird einwenden, 
daß Humboldt die Berechtigung zum Zweifel an der einſt mög- 
lihen Vollendung unſeres Wiſſens anerkennt, indem er z. B. 
S. 98 ſagt, daß „kein Geſetz in der Rotationszeit und in der 
Ercentrieität der Planetenbahnen zu finden ſei" 2"), indem er 
ferner von entſtandenen und bald wieder verſ<wundenen Sterne 
und andern ſolhen Abnormitäten 28) ſpri<t. Aber fragen wir, 
wie vertragen ſich dieſe Zweifel an der Geſetlichkeit der Natur **) | 
mit denen an einem Schöpfer, der die Regelmäßigkeit ſeiner 
Schöpfung vermöge ſeines Willens ungefähr jo zu modifiziren 
vermag, wie wir durch den unſrigen die Gedanken, ja ſogar 
zuweilen den gewöhnlich regelmäßigen Pulsſchlag ändern können ? 
Wie ferner mit dem pantheiſtiſhen Salze S. 136 „an Bewegung 
ſind zugleich das Sein, die Erhaltung und das Werden im 
Geſammtleben der Natur geknüpft“? Dieſem zufolge iſt näm- 
li< ihrem Daſein ein ſchaffender Wille und eine erhaltende Vor- 
ſehung unnüß, nicht aber ihrer Bewegung eine ſtrenge Geſeß- 
ſi<feit , welche die Erhaltung ihres [unendlichen] „Geſammts- 
lebens“ bedingt, deſſen Begriff aber dem einer Unendlichkeit ebenſo 
widerſpricht, wie der eines der Natur von Humboldt zugeſchrie- 
benen „Umfangs“. Ein no< größerer Widerſpruch ſcheint uns 
darin zu liegen, daß ihr Daſein und ihr Werden. ein zuglei- 
<hes 2?) ſein ſoll? Nur eine ewig dauernde Gedankenwelt läßt 
ſim zugleich als eine ſtets werdende, Dd, h. als eine aus dem 
Quell des Denkens entſpringende betrachten, nicht eine als Ge- 
danke feſtgehaltene“ gewordene Welt, deren zeitlich dauernde Be- 
mmammeeted 
26) Daran, daß alles in der Natur ſeine natürliche Urſache und ſein 
Geſeß habe , wird nicht gezweifelt, aber man ſagt es offen , wo das Geſeß 
oder die nächſte Urſache (denn die leßte iſt immer Gott) unbekannt ift. -- 
„Abnormitäten“ nennt man übrigens dergleichen nicht, auch ift hier ein ſon- 
verbarer neuer Beweis für das Daſein Gottes angedeutet, nämlich der aus 
ver Geſeßloſigkeit ver Natur, argumentum physico-anarchicum! 
272) Jſts Bosheit over Dummheit, daß der Ungenannte fortwährend 
die einfachſten Säße ſo gräulich mißverſteht ? Obiges „zugleich“ beſagt ein- 
fach ſo viel als ſowohl als auch, wie Jedermann ſieht. Freilich wo ſo 
wenig Anftößiges iſt, da muß man es erſt hineindeutenz; falſche Deutung 
aber iſt bei ſolchen Beurtheilungen , was falſches Zeugniß vor Gericht. 

	        

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