Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

II. Bücherſchau. 167 
nides und der Bettler“ ſind ganz über der Faſſungskraft von Kindern, denen 
voch wohl Niemand die Theorie der Fabeldichtung wird vortragen wollen z; 
das große Mährchen, welches über 3 ves Buchs einnimmt, iſt natürlich 
ſchon an ſich zu lang. 
Die dramatiſche Anordnung und Einkleidung iſt undramatiſch, nicht 
anſchaulich , ſchleppend und oft langweilig. Man ſollte doch ſtets bedenken, 
daß Kinder am Unpoetiſchen ebenſo wenig Geſchma> finden, wie wir. 
Rüdert over Bouilly hätten ſich vielleicht an ſolche Aufgaben wagen 
dürfen z aber Herr Gotthold iſt kein Dichter. Das iſt an ſich kein YVor- 
wurf; aber dann heißt es auc<: manum de tabula! 
Noch weit mehr ſind viele Einzelheiten zu rügen. So manche altväter- 
lich-philologiſchen Wibe gegen Geſchma> und Faſſungskraft ver Claſſe , z. B. 
„vas iambiſche Fußgeſtell!" (eines Lahmen), oder der Berg Sinai auf 
dem Rüden (eines Buligen). Die Liebeserklärungen im leßten Stü er- 
innern ſtark an Alberti's Complimentirbuch oder ven „unentbehrlichen Brief- 
ſteller für Liebende“ vgl. S. 105 ff. Phraſen, wie „der König, in Roſas 
Anſchaun verloren ,/“ Anſpielungen , wie „vaß ihr beim Klapperſtorc<e einen 
Prinzen für die Wiege beſtellt“, könnte man wohl Sextanern noc< erſpären. 
Wenn aber die Krähe dem Adler ven Rath gibt: „Erhebe dich ſo hoch in 
die Lüfte , daß du einem Punkte gleicheſt“ (von wo aus 2?) oder wenn es 
ganz opernmäßig lautet: „der Tanzbär: Es lebe die Freiheit ! Es lebe 
der Wald!“ Alle Bären: „Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wald“, 
ſo ſtreift dies ans Abgeſchmadte. 
Dem Büchlein iſt eine „Erklärung aller ſchweren Wörter und Sachen“ 
angebängtz darunter zählt der Verf. die Wörter: „Geſpenſt, Hexe, Biene, 
Münze“; aber „Duett, Vogel Greif, Berg Sinai, La>&mus , Opernſängerin, 
Nilpferd , totale Sonnenfinſterniß"“ achtet er nicht für ſchwer ; ja S. 101 
wird ein Mädchen als vumm und ungebildet dadurch <aratkteriſirt, 
daß ſie nicht weiß, was das Wort Reſidenz bedeutet! Solche 
Inconſequenz verſucht der Verf. umſonſt vamit zu entſchuldigen, das Buch 
müſſe immer eine Stufe höher ſtehen, als der Schüler. Und wer wird ihm 
glauben, er habe die pedantiſche Ueberhäufung ſeines Styls mit „Cicaden, 
Cyclopen, Drachmen, Context, Nimrod“ abſichtlich nicht vermieden, wenn 
er einen Holzha>er ſagen läßt: „man conſervirt ſich doch trefflich 
unter hermetiſc<em Verſchluß?“ Und nun der ganze Apparat des 
Olymps , Jupiter, Juno, Ganymed, Merkux und Argus, Nektar und Ams- 
brofia aus der Verſteigerung von Randers ſel. Erben für unſere Kinder 
1849 wieder aufgewärmt. Solchen Lehrern des Deutſchen und der Aeſthetik 
rufen wir mit Göthe zu: 
Macht euch ſchnell von Fabeln frei! 
Eurer Götter alt Gemenge . 
Laßt es hin! Es ift vorbei 
Niemand will euch mehr verſtehen, 
ordern wir doch höhern Zoll ! 
enn es muß vom Herzen gehen , 
Was zum Herzen kommen ſoll.
	        

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