Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

11, Bücherſchau, 169 
Mittel; der Lehrer kann ſich über ven Lehrzwe> nicht völlig klar ſein, ver 
ſich noch damit gewiſſermaßen entſchuldigt „daß Uebungen im Leſen gewiß 
von großem Nuten ſein können“; oder ver für mittlere Gymnaſialclaſſen 
ſchon „eine kleine Sammlung für eine Ueberficht ver deutſchen Nationallite- 
ratur" im Auge hat (NB! aber nicht gibt). Sonft würde der Verf. auch 
nicht ſol<hen Schülern Stücke von Sebaſtian Brant und Abraham a Sancta 
Clara vorlegen, welche ſie nur orthographiſch unſicher machen ; ſonſt würde 
ex nicht ſie mit rein literariſch-pokemiſchen Stüken aus dem „romantiſchen 
Oedipus“ oder gar aus dem „Prinz Zerbino“ heimſuchen, die noc< für 
Primaner zu hoch ſind. Alles das iſt pädagogiſche Unklarheit; der Heraus- 
geber hat weder ven Zwe> des Leſebuchs noc<h ven Claſſenſtandpunkt deutlich 
vor Augen. 
Auch in äſthetiſcher Hinſicht iſt vie Eintheilung und Anordnung oft nicht 
klarz es iſt nicht recht begreiflich , wie „ver 70. Geburtstag“ unter „Stüde 
zu didaktiſchen Zween“ oder wie Stü>e aus der „Jungfrau von Orleans" 
oder „Wilhelm Tell“ unter den proſaiſchen Theil gerechnet werden können. 
Löblich iſt bei der Auswahl der (auch feſtgehaltene) Geſichtspunkt, Alles 
auszuſchließen , was eigentlich und allein dem claſſiſchen Alterthum angehört, 
und ſich von pedantiſcher Rü>ſiht auf das Gymnaſium möglichſt frei zu 
halten ; auch verwahrt ſich der Herausg. eifrig gegen einen andern Fehler, 
als habe ihn die Sucht nach vem Neueſten, oder die Begierde geleitet, An- 
dere in der Wahl deſſelben zu überbieten. Denno< muß Ref. gerade dies 
als den Hauptfehler der Sammlung bezeichnen. Der große Reichthum 
unſers Dichterſchaßes iſt faſt gefliſſentlich umgangen worden; gerade die 
beſten Fabeln von Gellert, Lichtwer , Pfeffel , Frölich, die beſten Balladen 
von Bürger , Göthe, Uhland , Schwab, Freiligrath fehlen , eben von dieſen 
Meiſtern ſind meiſt weniger bedeutende oder doch für den Claſſenftandpunkt 
ungeeignete Stücke gewählt (z. B. Dante von Uhland, das Geſpenſt von 
Gellert , Hochzeitlied von Göthe) 3 Anſpielungen, wie auf die Taba>s-Regie 
im vorigen Jahrhundert in Bürgers Raubgraf, vürfte jebt mancher 
Lehrer nicht mehr verſtehen, geſchweige denn mittlere Claſſen. Kurz beim 
„Suchen in den ſtillen Thälern des Parnaſſes ſtatt auf ven Höhen deſſelben“ 
hat der Herausg. viel zu viel „grüne Blätter“ unter die „farbigen Blumen“ 
gebracht 3 namentlich mit Opis, Riſt, Harsdörffer und Zeſen hätte er ſeine 
Schüler nicht heimſuchen ſollen und auch ſeine eigenen Fabeln hätte er wohl 
können zurückſtellen , bis gar nichts Beſſeres aufzufinden geweſen wäre, Ge- 
dichte aber mit ſol<en Strophen , wie S. 4108 
„Zu Coſtniß war ein heißer Tag; 
„Die Sonn' ſtand heiß im Krebſen ; 
„Wohl mancher Pfaff bei Tafel lag 
„Oder lag bei ſeiner Kebſen ,“ 
oder wie „Herzog Alba“ von G. Schwab, Knaben dieſes Alters vorzulegen, 
iſt eine Sorgloſigkeit, welche ernfte Rüge verdient. 
Der proſaiſche Theil iſt beſſer ausgewählt, als der poetiſche. Für die 
beiden erſten Theile fand ſich bei Leſſing, Grimm, Krummacher reicher Vor-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.