Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

178 II. Bücherſchau, 
einen ganz eigenthümlichen Begriff von einer genetiſchen Erklärung 
zu haben ſcheint, ſo findet er ſich veranlaßt, dem Leſer zu zeigen, daß 
unter ſol<en Umſtänden .von einer vernünftigen Behandlung der. Geometrie 
gar nicht die Rede ſein könne. Die Stelle, womit er ſeinen Hauptſchlag 
ausführt, verdient ſchon als ein unerſeßliches Muſterftü> rhetoriſcher Wen- 
- dung bier angeführt zu werden 3; ſie heißt wörtlich alſo: „Geſet auch, es 
wäre kein Bedürfniß nicht nur in der Wiſſenſchaft ſondern auch im gewöhn- 
lichen Leben, daß wo Einer von etwas hört, was er no< nicht kennt, und 
er doch mitſprechen will, er zuerſt erfahren muß, was man denn = eigent- 
lich ſtreng genommen darunter verftehe.“ -- Was ſagt aber der Kritiker 
als Euklidianer dazu, daß ſelbſt Euklides in vem 1X. Bu ſeiner Elemente 
Erklär. 44--23 und daß Legenvre in ſeinen Elementen z. B. Buc< VII. 
Erklär. I. und IL. anſtatt ſogenannter Definitionen = nur genetiſche 
Erklärungen aufgeſtellt haben? Doc< wozu das Alles! Der Kritiker 
weiß eben nicht recht, was man „eigentli< ſtreng genommen“ unter einer 
genetiſchen Erklärung verſteht z er hätte daher ſeinen herrlichen Wahlſpruch =“- 
zuallererſt auf ſich ſelbſt anwenden ſollen. -- Eine merkwürdige Erſcheinung 
bleibt es immer , für Andere =- Grundſäße aufzuſtellen, die man ſelber zu 
befolgen verſchmäht. =- Es geht halt nichts über allzugroße Beſcheidenheit | 
Wie ſehr mein Kritiker es fich zum angelegentlihen Geſchäfte macht, 
gegen Windmühlen zu kämpfen , beweiſt auch folgender Umſtand? Im Vor- 
worte S. X1lV. wird die Anſicht ausgeſprochen, daß die Euklidiſche Methove 
zur Entwieklung der Selbſtthätigkeit des Schülers ſich nicht wohl eignen 
könne, indem ihm Alles -- Grundſäße , Definitionen, Lehrſäße , Beweiſe 
u. ſ. w. gegeben werden müßten. Ueber die Axiome wird dann u. A, 
bemerkt: „dieſelben erſcheinen ſchon fix unv fertig: an ihnen darf der Schüler 
nicht rütteln z er muß ſie nehmen, wie man ſie ihm gibt, ohne im minde- 
ſten einſehen zu können , warum gerade dieſes und nicht ein anderes Axiom 
aufgeſtellt werden mußte.“ =- Auf dieſe Bemerkung hin findet nun der 
Kritiker ſich veranlaßt zu erwiedern: „Wo in aller Welt hält man das 
Rütteln an Säßen, die ein Lehrer jungen Menſchen vorträgt, welche 
Geometrie lernen ſollen, für die einzige Richtung, in welcher dieſe 
ihre Selbſtthätigkeit ausüben können 3 wo in aller Welt lernen die Schüler 
etwas , venen nichts octroyirt werden ſoll, -- und kämen ſol<e Anſichten 
in der Schulmeiſterei auf, wo wollte es endlich mit dieſer no< hinaus ?“. 
Solc<e eraſſe Mißverſtändniſſe hätte ver Kritiker ſehr leicht vermeiden können, 
wenn er auch nur mit einiger Unbefangenheit das Vorwort geleſen hätte. -- 
Sollte etwa ſein allzugroßer Eifer gegen mein Buch vadurch hervorgerufen 
worden ſein , daß im Vorwort bei der Schilderung der ſog. Cuklid. Unter- 
richtsmanier vielleicht gar die eigene Methode ves Herrn Anonymus zum 
Muſter genommen worden iſt? Aber auch dann hätte er immerhin beſſer 
gethan, mit edleren Waffen zu kämpfen und die ganze prinzipielle Grund- . 
lage des Leitfadens zu widerlegen, anſtatt offenbare Entſtellungen als 
Wahrheit zu „octropyiren.“ Mag indeſſen die Urſache jenes Mißverſtändniſſes 
ſein, welche fie wolle, ſo bleibt wenigſtens ſoviel gewiß, daß auf dieſe
	        

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