Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

II. Bücherſchau. 179 
Weiſe vem Leſer „vie Durchführung der Methode des Leidfavens niemals 
wird anſchaulich“ gemacht werden können. 
Wenn der Kritiker ferner rügt, daß aus Einer Betrachtung oft eine 
ganze Reihe von Lehrſäßen abgeleitet ſeien , für jeden einzelnen. Saß aber 
kein beſonderer Beweis beigefügt werde , ſo habe ich darauf einfach folgen- 
des zu erwiedern : 
Mein Leitfaven ſollte kein ausführliches Lehrbuch werden. Eine viel- 
jährige Erfahrung hat mich überzeugt, daß , wenn die große Mehrheit der 
Schüler in den Anfangsgründen der Geometrie tüchtig fortſchreiten ſoll, 
"ein ausführliches Lehrbuch mehr ſchadet als nüßt, indem die geiſtig ſ<wäche- 
ren Schüler ſich gewöhnlich viel zu ängftlich und ſclaviſch an daſſelbe halten 
und ſo eher zu einem mechaniſchen Auswendiglernen als zu einer wirklichen 
'Verarbeitung des Unterrichtsſtoffes angeleitet werden. Dazu kommt noch, 
„daß bei ſol<hen Schülern oft -- ſogar arge, nachhaltigs Mißverſtändniſſe 
unvermeidlich ſein würden, ſobald man die Jdee meines Kritikers wonach 
nämlich die Schüler „diejenigen Säße, an welche die Reihe in 
ven nächſten (?) Unterrichtsftunden kommt, im Lehrbuche für ſich 
zu Hauſe durcharbeiten müſſen“ -- befolgen wollte. Was aber die talent- 
volleren oder geiſtig reiferen Schüler betrifft , ſo geht für ſie, ſobald ihre 
Selbſtthätigkeit im Sinne des Kritikers in Anſpruch genommen wird, --- 
aller Reiz eignen Findens , eigner Combination verloren und ihr Jntereſſe 
am -lebendigen Unterrichte iſt dann meiſt geſ<hwächt. =- Mein Leitfaden iſt 
darum auch am wenigſten zur Vorbereitung des Schülers auf die näch- 
ſten Unterrichtsſtunden ,“ =- ſondern vielmehr zur Wiederholung geſchrie- 
ben. Er fordert dafür eine um ſo größere Thätigkeit des Lehrers wie des 
Schülers in der Schule. -- J<h weiß zwar wohl, daß man es ſich im Un- 
terrichte bequem machen kann, weiß aber auch, daß der Lehrer, welcher auf 
die freie Selbſtthätigkeit ſeiner Schüler kein beſonderes Gewicht legt, bei 
öffentlichen Prüfungen ſich mehr auf das gute Gedächtniß derſelben, als 
auf ihre Einſicht verlaſſen muß. -- Für einen ſolc<hen Lehrer iſt freilich ein 
ausführliches Vorbereitungsbuch das Brauchbarſte. 
Mein Kritiker iſt überdies in einem großen Jrrthum befangen, wenn 
er glaubt, daß die einzelnen beſonderen Beweiſe der Lehrſäte durch die ge- 
netiſ<e Methode geradezu ausgeſthloſſen ſeien. Bei einer vollſtändigen 
Durchführung der genetiſchen Methode wird vielmehr der Schüler die von 
ihm gefundenen und formulirten Lehrſäße auch iſolirt beweiſen müſſen und 
auf dieſe Weiſe nothwendig zu vem nämlichen Beweisverfahren geführt, 
welches die Euklidiſche Methove fordert. Die genetiſche und Cuklidiſche 
Methode dürften ſich hierbei meiſtens nur dadurch unterſcheiden , vaß bei der 
leßteren die künftlichen Conftructionen over Hülfslinien vem Anfänger ge - 
geben werden müſſen, während dieſe Linien bei einem genetiſchen Ent- 
wilungsgange ſich gleichſam von ſelber einſtellen und gerade die nämlichen 
ſind, aus deren Berüdſichtigung der Lehrſaß abgeleitet wurde; =- ſo daß 
ver Schüler in den meiſten Fällen auch den iſolirten Beweis des Lehrſaßes 
ohne beſondere Schwierigkeit aufzufinden und auszuführen „m Stande iſt, =
	        

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