Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

230 111. Berichte. 
2. Auszug aus dem Bertheidigungs - Manifeſt deutſcher Lehrer 
an das Volk. Von dem Lehrerverein in Nürnberg im 
September 1849. 
Der deutſche Lehrerſtand iſt in ſeinem theuerſten Gule: dem Vertrauen 
ves Volkes, bedroht und ſeine Ehre gefährdet. Seine Geſinnung, ſeine 
Treue, ſeine Liebe zum Volke wird beargwöhnt und verdächtigt. Verdekt 
und offen beſchuldigt man ihn, daß durch ihn hauptſächlich das Volk irre 
geleitet ſei und irre werde; daß er vornehmlich das Herz der Menge den 
Regierungen abgewendet, das gewaltige Ringen nach Freiheit und Einheit in 
falſche Bahnen gelenkt unv ven Widerſtand gegen den alten Dru>k und die alte 
Noth überſtürzt habe ; daß er ſomit einen großen Theil der Schuld an der kläg- 
lichen Gegenwart des hoffnungsreichen Anfangs deutſcher Freiheit und Ehre trage. 
Auch die Verſammlung der deutſchen Lehrer zu Nürnberg im Sep- 
teinber dieſes Jahres hat die Wucht ſolc<er officiellen und nicht officiellen 
Verdächtigungen zu empfinden gehabt. Sie hat durch ihre Haltung und 
durc< den Jnhalt ihrer Verhandlungen das Mißtrauen , das ihr hindernd 
von vielen Seiten her entgegen arbeitete, am beſten zu widerlegen gemeint 
Aber es kann ihr im Namen des heiligen Berufes der geſammten Lehrer- 
ſchaft ver entehrende Verdacht nicht gleichgültig ſein, mit vem man einem 
Stande zu nahe tritt, deſſen Wirkſamkeit vorzugsweiſe mit in der unge- 
trübten Reinheit der Achtung vor ſeiner Sittlichkeit wurzelt. Daher 
dies Nothwort der Abwehr an das geſammte deutſche Volk. 
Wohl hätten Viele gewünſcht und wünſchen es noch, daß vie Lehrer 
von dem mächtigen Aufleben deutſch-nationalen Geiſtes garnicht ſich hätten 
berühren laſſen. Sie erröthen nicht, laut oder verhohlen zu wünſchen, daß 
der Lehrer kalt, theilnahm- und thatlos, wie ſie ſelber meiſt, den Geburts- 
wehen ſeines theueren Vaterlandes zugeſehen hätte und zuſebe. Aber mögen 
ſie das , was ſonnenklar iſt , wegzuleugnen ſuchen --- der Lehrer, auf deſſen 
grundlegendem Bau die Zukunft deutſcher Nation gegründet werden ſoll, er 
muß ein lebendiger, ein das Leben erfaſſenver, wie Leben ſpen- 
dender, er muß ein „deutſcher Mann“ ſein. Nur das Lebendige 
zeugt das Lebendige, Nur wer das tief innerlichſte Weſen ſeiner Nation 
im eigenen Buſen empfunden hat und lebensfriſch bewahrt, vermag mit 
nachhaltiger Begeiſterung die zarten Lebenskeime zu we>en und zu pflegen, 
in denen das Auferblühen der Zukunft des deutſchen Volkes verborgen liegt. 
Doc< Viele möchten den Lehrer nicht blos von dem politiſchen Gebiete, 
ſondern auch von dem der freien Berathung über ſeine eigenſten Angelegen- 
heiten, über die innere und äußere Umgeſtaltung der Schule hinweggetrieben 
wiſſen. Sie möchten am liebſten den Lehrer gedankenlos „abwarten“ 
laſſen, was ohne ſeine Mitthätigkeit von außen ihm dargebracht werde. Ver- 
dächtigung auf Verdächtigung, wo der Lehrer ſelbfithätig auftritt. 
Und gleichwohl: die Lehrer haben die heilige Amtspflicht nicht „abzu- 
warten.“ JIhr Beruf erheiſcht von ihnen. als Sachverſtändige in engeren 
und weiteren Kreiſen zuſammenzutreten , ſich gegenſeitig zu kräftigen und zu 
erfriſchen, ihre Angelegenheiten, die großen Uebelſtände, an denen die Schule 
troß aller Ableugnung und zum Unheil des Volks noch darniederliegt , in 
geeinter Kraft zu berathen, ihre große Aufgabe, die inneren und äußeren 
Schwierigkeiten derſelben und die Mittel ihrer Bewältigung ſich klarer zu 
machen und ſo der Weisheit der Regierungen einen Theil Desjenigen durch- 
zuarbeiten und vorzubereiten, was an der Stelle des Veralteten endlich Ge- 
ſe werden ſoll. Die Lehrer verlangen nicht, daß ihre Beſchlüſſe unmittel- 
bar als Geſeße gelten ſollen, ſie vertrauen aber darauf, daß dieſe Beſchlüſſe -- 
ſind ſie nur beſonnen und wahr, aus gereifter Amtserfahrung und lauterer 
Begeiſterung geſchöpft -- mächtiger und ſiegreicher ſein werden , als jedes 
Geſeb, das den Schuß der inneren Wahrheit entbehrt, 
 

	        

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