Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

Die Geographie in der. Schule, 315 
gen zu Grunde zu legen, =- Kant vereinigte mit einem ſpe- 
culativen Genie, das ſich in den abſtrakteſten Regionen der 
Metaphyſik mit bewundernswürdiger Schärfe und Beſonnenheit 
zu orientiren wußte, das ſehr concrete Talent der geographiſchen 
Orientirung, welches zu ſeiner Zeit ni<t minder bewundert 
wurde, wenn er, der über das Weichbild ſeiner Vaterſtadt nicht 
hinausgekommen war, von Reiſenden , die ſich mit ihm unter- 
hielten, für einen vielgereiſten Mann gehalten wurde, Seine 
Vorträge über allgemeine Geographie ſind freilich ihrem Inhalt 
nach ſeitdem veraltet durc< die Fortſchritte der Naturwiſſenſchaft 
und der naturwiſſenſchaftlihen Beobachtung, durc< die geogra- 
phiſchen Forſchungen eines Humboldt, Ritter u. ſ,. w.z aber 
unſre Schulen ſind no< feinesweges darüber hinaus, und die 
Fortſchritte, welche die Wiſſenſchaft gemacht hat, noc< nicht ſo 
tief über Titelblatt und Vorrede in unſre Schulgeographie ein- 
gedrungen , daß dieſe nicht von ihm noch immer lernen könnten, 
Hier haben wir es zunächſt mit dem pädagogiſchen Zwe 
der Geographie zu thun, welchen Kant in dem Einfluß findet, 
den die geographiſche Erweiterung des Geſichtsfreiſes auf das 
Urtheil ausüben kann und ſoll, als das nächſte und als eines 
der wirkſamſten Mittel gegen die Bornirtheit. = 
Denn wie kann in ſeinen Kreiſen ein tüchtiger Landwirth, 
ein betriebſamer Gewerbs- und Geſchäftsmann, ein brauchbarer 
Beamter , ein profunder Gelehrter , ein guter Patriot - geſchult, 
wie nur ein Deutſcher geſchult zu werden pflegt, und --- doh 
hbornirt ſein! = - . | 
Bornirt nennen wir die Beſchränktheit, die das Vorfind- 
lihe und Gegebene -- und ſich ſelbſt darin -- für das Ende 
aller Dinge hält, weil es ihr an der Fähigkeit gebricht, ſich 
über das Einzelne zum Ganzen, über das Beſondere und Be- 
ſtimmte zum Allgemeinen zu erheben, wodur< das Einzelne 
erſt, als ſolches, in ſeiner Beſonderheit und Beſtimmtheit be- 
greiflih wird; ſie leidet an dem Unvermögen, das Zufällige 
und Veränderlihe von dem Weſentlihen und Nothwendigen zu 
unterſcheiden, wodurch ſie beſtändig in dem Fall iſt, die Dinge, 
wie ſie ſich geben, mit Haut und Haaren, oder, um mit Leſ- 
ſing zu reden, mit den Pillen auc< dazu die Schachtel zu
	        

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