Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

316 I, Abhandlungen. 
verſchlu>en z ſie läßt ſich von Zuſtänden und Gewohnheiten, wie 
von Geſeen der Nothwendigkeit beherrſchen, und fürchtet bei 
jeder Veränderung und an jeder Zufälligkeit etwas Weſent- 
liches einzubüßen, 
Indem nun die Geographie zur Erweiterung und Befreiung 
des in der nächſten Umgebung befangenen Urtheils nicht allein, 
aber na< ihrer Weiſe weſentlich beiträgt, indem ſie das Hier 
mit dem Dort in Berbindung bringt und daſſelbe als anders- 
wo ein Anderes, und denno< als Daſſelbe unter anderen 
Bedingungen kennen lehrt, wird ſie aus einer bloßen Gehülfin 
der Geſchichte, wie dieſe ſie gewöhnlich zu betrachten pflegt, 
zu einer ihr ebenbürtigen Wiſſenſchaft, mit dem Unterſchied, daß 
lebtere es, zur Befreiung des in der Gegenwart befangenen 
Vorurtheils , mit dem Beränderli<hen in der Zeit und mit dem 
Weſentlichen als Demſelben anderswann und unter andern 
Vorbedingungen zu thun hat, 
Geſchichte und Geographie verhalten ſich zu einander 
wie ſich nach Leſſing' s ſ<harfſinniger Unterſcheidung (im Laokoon) 
---“- der Dichter zum Maler verhält. 
Die Geſchichte hat mit dem Dichter zu ihrem eigentlichen 
Gegenſtande die Handlung, d, i, Thatſamen und Begeben- 
heiten , deren jede die Wirkung einer vorhergehenden, und die 
Urſache einer folgenden iſt. -- Wenn ſie Zuſtände ſchildert, 
wenn ſie beſchreibt und lofkaliſirt, ſo thut ſie dies nur wie der 
Dichter , wenn er malt, andeutungsweiſe durc< die Hand- 
lung und in ſoweit es zur Vorſtelligkeit, zur Verſinnlichung 
derſelben im Raume erforderlich iſt; --- was darüber , das über- 
läßt ſie der Geographie, deren Gerechtſame es iſt, indem ſie 
ihr, wie der Dichter dem Maler, in Beziehung auf die Gegen- 
wart im Naume zu hiſtoriſchen Andeutungen an ihrer Grenze 
nachbarlich den gleichen Eingriff geſtattet. 
Es liegt auf der Hand, daß die Geſchichte, ſo gewiß ſie 
ihre Thatſachen als Handlungen, d. i. aus dem idealen Geſichts- 
punkt der Cauſalität betrachtet, eine Reife des Verſtandes und 
der ſittlichen Wahrnehmung erfordert, die nicht vom vorn herein 
Jedermanns Sache iſt, um bei ihr ſofort in die Schule zu 
gehen, So ſehr ſich an ihr das unbefangene Urtheil des reiferen
	        

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