Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

336 1, Abhandlungen. 
entweder zu kindiſcher Unſelbſtſtändigkeit oder troßiger Oppoſition 
gelegt. Der wichtigſte natürliche Unterſchied iſt der der Geſchlechter, 
welher auch an den Erzieher ganz beſondere Anforderungen 
macht. Namentlich für den männlichen Erzieher, dem einmal 
die Vollendung der Erziehung obliegt, iſt die Behandlung weib- 
liher Zöglinge ein mit der größten Vorſiht zu verwaltendes 
höchſt ſchwieriges Geſchäft, Es geht dahin, daß die Cmpfäng- 
lichfeit des Mädc<ens vor ſchlechten Eindrücken bewahrt und der 
reine Ton ſeiner Seele überhaupt nicht verſtimmt werde, während 
beim Knaben vor Allem die Selbſtſtändigkeit gekräftigt werden 
muß, um den mannigfaltigen Eindrüken der Welt Widerſtand 
leiſten zu können. Ein ähnlicher Unterſchied wie der der Ge- 
ſchlechter , kehrt bei den Temperamenten wieder, wo ſich die Ver- 
ſc<hiedenheit des Verfahrens darnach richtet, ob die Clemente der 
Selbſtthätigkeit und Empfänglichkeit im Gleichgewicht oder ſtumpf 
oder ob eines über das andere vorherrſchend iſt, 
Die Eintheilung des nun folgenden Abſchnitts von den 
Grundaufgaben der Erziehung iſt folgende: 1) Die Indivi- 
dualität als ſol<hez a) das Recht der Individualitätz Begrün- 
dung dieſes Rechts z Verhalten des Erziehers zu demſelben; Fol- 
gen der Vernachläſſigung; b) die Pflicht der Individualität mit 
denſelben Unterabtheilungen. 2) Die Individualität in ihren 
Erſcheinungsformen. Bei Begründung des Rechts der JIndivi- 
dualität wird namentlich gegen diejenige Anſicht polemiſirt, welche 
eine allgemeine Gleichheit der Anlagen vorausſezt und die Un- 
terſchiede erſt durc< äußere Verhältniſſe und Einflüſſe hereinkom- 
men läßt; aber auc< gegen die, welche ſim zu ſehr auf die 
Selbſtentwilung der Individualität verläßt; vielmehr iſt die 
Jnudividualität mit ihrem beſondern Berufe eine von Gott ge- 
wollte und darum hat ſie das Necht zu fordern, daß ſie geachtet 
und in der Ausbildung ihrer eigenthümlihen Kräfte wie in Er- 
greifung und Förderung ihres Berufs unterſtüßt werde. Darum 
ſind die Zöglinge für den Erzieher nicht ein unbeſtimmter nach 
Willführ zu formender Stoff, ſondern er ſoll ihre Individuali- 
tät erforſchen und pflegen. Wenn er das unterläßt, ſo wird 
der mittelmäßige Zögling , und das iſt die überwiegende Mehr- 
zahl , zu einer maſchinenmäßigen Thätigkeit herabgewürdigt und
	        

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