Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

Nachmärzliche Pädagogit. 337 
jede Freudigkeit hört auf. Allein dem Rechte ſteht auch die 
Pflicht gegenüber: daß ſich nämlich der Zögling mit ſeiner Eigen- 
thümlichfeit als dienendes Glied des Ganzen betrachten muß, und 
hier findet nun von Seiten des Erziehers die Zucht ihre Stelle, 
deren Grundſatz iſt: Keiner ſoll im Streben nah dem eigenen 
Wohlſein ſeine Freiheit ſo gebrauchen , daß die gerechten Anſprüche 
Anderer auf Wohlſein und Freiheit dadur< verletzt werden, 
vgl. Matth. 7, 12. Daraus ergibt ſich für die Zöglinge eit 
Abhängigkeitsverhältniß von dem Erzieher, jedoc< ſo, daß dieſe 
nicht ihren Eigenwillen, ſondern das höhere göttliche Geſeß re- 
präſentiren und ihre Autorität nicht blos eine äußere iſt, jondern 
eine innere wird. Ohne dieſe Zucht wird der Zögling entweder 
niht über die Stufe kindiſcher Unſelbſtſtändigkeit erhoben, oder, 
wenn er zu bald als Erwachſener behandelt wird, die Kraft 
des natürlichen Triebes verlieren. Beſonders wird auch vor 
jener, bei den Philanthropiſten gebräuchlichen Manier gewarnt, 
daß man den Zögling immer nur auf dem Wege verſtändiger 
Ueberzeugung zum Guten führen will, weil dadurch die Befol- 
gung der Geſeße von ſeiner ſubjektiven Einſicht abhängig ge- 
ma<ht wird. | - 
Bei den einzelnen Erſcheinungsformen wird das Individuum 
betrachtet zuerſt na) den 3 Seelenvermögen, dann als förper- 
lihes, als beſigendes , als durch die Nationalität beſtimmtes 
Weſen, wobei jedesmal eine Cardinaltugend den Mittelpunkt bil- 
det. Dieſer Abſchnitt gibt dem Verf. Gelegenheit zu einer Menge 
von treffenden aus tiefer Anſchauung geſchöpften pſyc<ologiſ<hen 
Bemerkungen, die natürlich nicht alle einzeln angeführt werden 
können. . 
Auf den Grund der ganzen Aufgabe der Erziehung iſt dahin 
zu wirken, daß der Zögling in ſeinem Gefühl den göttlichen 
Willen als ſein wahres I< betrachte; die Cardinaltugend des 
Gefühls iſt ſomit die Liebe, der Gegenſatz des EgoisSmus. Dieſes 
wird nun näher gezeigt an Beiſpielen ſolcher Gefühle, die jenem 
Grundgeſetze widerſtreben, als da ſind: Eitelkeit, Neid , Shaden- 
freude, Zerſtörungsſucht , Grauſamkeit, Verachtung der äußeren 
Sitte. Beſondere Berückſichtigung verdient das Gefühl für die 
Achtung und Liebe Anderer, wobei beherzigungswerthe Winke für
	        

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