Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

338 [. Abhandlungen. 
die Leitung der Ehrliebe gegeben werden. Hat das Gefühl ſeine 
Grundrichtung, ſo muß es zur Gewandtheit und Kraft gebildet 
werden, Mittel zur Bildung des Gefühls ſind zuerſt, daß ſeine 
Erzieher ſelbſt gefühlvoll ſeien. Unter dieſe Erzieher ſind nun 
vor Allem zu rechnen die Künſtler; und zwar am allermeiſten 
die Dichter. Dies gibt dem Verf. Veranlaſſung , über den Werth 
einzelner Dichter für dieſen Zweck ſich auszuſprehen. Von der 
Religion ſagt er , es ſei eine Verkennung ihrer Würde , ſie als 
Mittel zur Gefühlsbildung zu betrachten, vielmehr ſei ſie der 
höchſte Zwe> aller Erziehung. Bei der Betrachtung des Indi- 
viduums als denkenden Weſens wird zuerſt von den Bildungs- 
mitteln geſprochen, von der Uebung des Gedächtniſſes, von der 
Leitung der Phantaſiez und namentlich gegenüber von beſondern 
Denfkübungen oder von beſonderer Hervorhebung der Mathematik 
verlangt, daß man den Zögling die ganze Fülle ſeiner Erfah- 
rungen durch das Denken allmählich *) formen laſſe. Jett erſt 
wird als Cardinaltugend des Denkens angegeben die Wahr- 
haftigkeit d. h. das Streben na< Wahrheit, welches ſich äußert 
als uneigennüßiges Hingeben an die Betrachtung der Gegenſtände 
und als Streben, Zuſammenhang im Zerſtreuten zu finden, Beide 
Arten des Denkverfahrens, das empiriſche, wie das ſpeculative 
ſind vor Einſeitigkeit zu bewahren, Au< beim Denken, wie 
beim Gefühl iſt die Gewandtheit und Kraft auszubilden. Die 
nothwendige Aeußerung des Denkens iſt die Sprache; und hiefür 
gilt als Cardinaltugend die Aufrichtigkeit in Verbindung mit der 
Deutlichkeit, Die Tüchtigkeit der Geſinnung iſt die einzige Grund- 
lage aller wahren Beredſamkeit, Für die Bildung des Willens 
iſt die erſte Bedingung, daß Schule und Leben nicht getrennt 
werden. Ohne Ausbildung der Willensfraft artet das Denken 
*) Bei der Beurtheilung eines pädagogiſchen Werkes möge es geſtattet 
ſein , eine orthographiſche Bemerkung zu machen. Es ift nämlich neuerdings 
ganz allgemein geworden , und ſo auch in dieſem Werke „allmälig“ zu ſchrei- 
ben, als ob das Wort von allemal herkäme. Allein das Wort ift offenbar 
ganz daſſelbe wie „allgemächlich“ oder im ſ<wäbiſchen „ällsgmach“. Wer 
dieſe Ableitung einmal gehört hat (ich habe dies ſchon mehrfach erfahren) 
zweifelt ſein Lebtag nimmer an der Richtigkeit; und dürfte dieſe Bemerkung 
eine weitere Verbreitung verdienen. Man ſc<reibe alſo von nun an „allmählich.“
	        

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