Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

Nachmärzliche Pädagogik. 369 
Die Einleitung in dieſen Abſchnitt iſt zu tief und myſteriös, 
als daß ſie nur ſy in einigen Grundzügen mitgetheilt werden 
könnte und es ſcheint mir, als ob in dieſem Theile der Bexf, 
auf einem allzu mühſeligen Umwege zu ſeinem Ziele , das Ber- 
hältniß von Gymnaſtik, Religion , Liebe und Kunſt, dies nämlich 
ſind ſeine Entwiklungsmomente, geſtrebt hätte. Und wenn im 
ganzen Werke, was die Form betrifft, ein ſtetes Ringen der 
heranfluthenden Ideen mit der Klarheit und Durchſichtigkeit des 
Ausdruäs zu bemerken iſt, ſo iſt man in dieſem Theile wirklich 
in Gefahr, von den Fluthen verſchlungen zu werden, Retten 
wir uns daher an den ſicheren Strand der helleniſchen Kunſtwelt, 
In der Gymnaſtik war dex Menſc< ſich ſelbſt die erſte 
Kunſtaufgabe. Dieſe Kunſtſchöpfung bewirkte zuletzt eine Ber- 
äußerung der eigenen Perſönlichkeit, eine Selbſtoffenbarung des 
Menſc<henſhönen im äußeren Stoffe, „Die nate Linie und Form 
des menſchlihen Körpers war in der Gymnaſtik an ſich ſchon 
zu idealer Kunſtbedeutung erhoben; ſie bot ſih dem Hellenen 
dar als Kanon der Schönheit, als Regel der Kunſt. Darum 
tragen auc< alle Kunſtwerke die Naturform des Menſchen unwill- 
führlih und nothwendig an ſich. Dies zeigt ſich nicht blos in 
der Bildhauerei , deren Hauptprodukte ideale Menſchengeſtalten 
ſind, ſondern auch in der Baukunſt, wo die Säule den Mittel- 
punkt bildet, die mit ihrer Kreislinie und ihrem Schwung einen 
ächtmenſchlihen Charakter an ſich trägt. Und gerade weil das 
Streben der antiken Kunſt na< voller Körperlichkeit keine der 
drei Raumausdehnungen entbehren wollte, ſo war auch die Malerei 
faſt unmöglich und behielt einen durc<aus plaſtiſhen Charakter, 
In der Plaſtik ſelber offenbart ſich ein Fortſchritt von den halb- 
menſchlichen Tempelidolen zu der idealmenſchlihen Göttergeſtalt, 
beſonders in den Werken des Pheidias. Als Modelle aber galten 
den Künſtlern die dur< Gymnaſtik veredelten Leiber, wie ſie ſich 
beſonders bei den Nationalfeſten darſtellten,“ 
Auc< das Weſen der helleniſchen Religion ruht auf ' der 
äſtthetiſ<en Erziehung. Weil dieſe zu wenig ein bewußter 
Willensact war, ſo konnte ſich der Hellene auch nicht zum reinen 
Gottesbewußtſein erheben. Darum „waren nicht nur die allge- 
meinen Formen und Maaße und Thätigkeiten ſeiner Naturgötter
	        

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