Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

111, Berichte. 383 
Der Vortrag ves Hrn. Stavipf. Hauff iſt uns vollſtändig mit- 
getheilt worden und lautet ſo : 
Meine Herren! Jndem ich mir die Freiheit nehme, vor Jhrer werthen 
Verſammlung zu einem Vortrag über den Unterricht in der math. Geographie 
aufzutreten , ſo habe ich den Vortheil , einen Gegenſtand gewählt zu haben, 
deſſen Wichtigkeit anerkannt genug iſt. Der Gegenſtand bedarf keiner Ent- 
ſc<uldigung. Um ſo mehr aber habe ich meine Perſon zu entſchuldigen , daß 
ich, als dem Realſchulweſen ferner ſtehend, es wage, darüber vor einer 
Verſammlung von lauter Reallehrern zu reden. Ja, ohne es zu wiſſen, 
wie Sie die math. Geographie in Zhren Schulen zu treiben gewohnt ſind, nehme 
ich mirs heraus den Lehrgang' zu beſchreiben, den ich für ven geeignetſten 
halte. Jn dieſer Beziehung ſchließt allerdings die Entſchuldigung der Perſon 
nothwendig auch die Entſchuldigung des Gegenſtands mit ein. 
Doch weil ih Grund zu der Annahme habe, vaß vie Grundſäße , auf 
welche ver von mir empfohlene Lehrgang gebaut iſt, -ſo allgemein fie ſonſt 
gelten, gerade in dieſem Fach no<M? wenig Anerkennung gefunden haben, 
gehe ich ohne weitere Umſchweife über zur Darlegung dieſer Grundſäße. 
Dieſe ſind 4. Screite immer vom Bekannten zum Unbekannten vor, | 
d. h. muthe deinem Schüler nie zu, etwas für wahr anzunehmen , das ſich 
nicht an einen von ihm vorher begriffenen Saß anſchließt. Der Saß z. B. 
„Die Erde iſt eine Kugel“ an den Anfang des Unterrichts geſtellt, iſt ganz 
losgeriſſen , ſchließt ſih an nichts Bekanntes an. Was eine Kugel ſei, das 
weiß zwar der Schüler gut; aber eine Kugel von der Größe unſerer Erd- 
kugel fich vorzuſtellen , iſt er in keiner Weiſe fähig. - 
2. Laß den Schüler auf dem Stanpunkt, auf dem er ſteht. Dieſer 
wird dem Schüler genommen, wenn man ihm gleich anfangs ſagt: „Die 
Sonne geht nicht auf und unter, ſondern ſie ſteht der Erde gegenüber |tille 
und die Erde dreht und bewegt ſich.“ Wohin kann ſich der Schüler |tellen, 
um vieſe Umdrehung und Bewegung der Erde ſeiner Anſchauung irgend 
deutlich zu machen. 
3. Uebe und benüße die math. Anſchauung , d. h. ohne gerade auf 
ſtreng wiſſenſchaftliche Beweiſe auszugeben, bringe der Anſchauung des Schülers 
diejenigen math. Säße nahe, welche zur Einſicht in die Lehren der math. 
Geographie nöthig ſind, und als Anſchauungsmittel benüße ja nicht gerade 
math. Figuren, ſondern viel lieber die unmittelbare Anſchauung des ge- 
meinen Lebens. Solc<e Anſchauungen und auf Anſchauung gegründete Säße 
ſind z. B. die einer wagrechten nach allen Seiten unbegränzten Ebene, 
einer auf dieſer Ebene ſenkrecht aufſtehenden , einex andern ſich da- und dort- 
hin neigenden Linie, einer die wagrechte Ebene ſchneivenden ſchiefen 
Ebene, des Durchſchnitts dieſer 2 Ebenen und ſ. f. Wenn ich nun einen 
auf dieſe Grundſäße gebauten Unterrichtögang beſchreibe, ſo erlauben Sie 
mir , während ich Vieles in der Vorausſeßung, daß ein geübter Lehrer es 
zu verſtehen und weiter auszuführen wiſſe, blos andeutend ausſpreche, doch 
auch hie und da in der Darſtellung des Lehrverfahrens in Wendungen zu 
gerathen , welche vorauszuſeßen ſcheinen es ſtehen Schüler vor mir.
	        

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