Full text: Zeitschrift für das Gesamtschulwesen : mit besonderer Rücksicht auf die Methodik des Unterrichts - 2.1850 (6)

 
Ueber mathematiſchen Unterricht. 67 
keinem Unterrichtsgegenſtande iſt ſo viel Gelegenheit, die Neigung 
zum Eigennuß und die Sucht zur Bevortheilurig Anderer zu 
nähren als beim praktiſchen Rechnen. Mit Recht tadelt Jemand 
Aufgaben folgender Art: ,,, Friedrich verkaufte ein ſchönes Taſchen- 
meſſer für 18 Groſchen, es waren 9 Groſchen mehr als er 
dafür gegeben hatte, Wie viel hatte er gegeben 2“ *) Obgleich 
mir S<olz hier beizuſtimmen ſcheint, ſind wir doch ſehr weit 
auseinander. Denn ich meine , daß das praktiſche Re<hnen und 
„Eigennutz und Sucht zur Bevortheilung“ ganz und .gar nichts 
mit einander zu thun haben, Höchſtens kann ein Kaſſenführer 
auf den Gedanken kommen , die Kaſſe zu berauben und damit 
na< Amerika zu flüchten. Aber dann iſt er durc< die Banknoten, 
preußiſhen Thaler u. ſ. w. und no< manches andere verführt, 
nicht durc< die Zahlen. Dieſe ſind todt und kalt und unſchuldig. 
I< habe vielmehr an der erwähnten Stelle einen allgemeinen 
Satz auf den mathematiſchen Unterricht anwenden wollen. Es 
iſt nämlich nirgends gerathen mit ſittlichen Verhältniſſen ohne 
ſittliche Beurtheilung zu ſpielen , weil ſich leicht etwas Unreines 
feſtſetzt, oder wenigſtens das Gefühl abgeſtumpft wird. Sittlihe 
Verhältniſſe als Bagatelle, als Vehikel anderer Aufgaben zu be- 
handeln, geht mir wider den Mann , wenn es nicht in der rechten 
Weiſe geſchieht. Daher ſind mir Aufgaben wie die erwähnte 
ein Dorn im Auge, Aufgaben jedo<m, bei welchen die ſittliche 
Beurtheilung leicht iſt, ſind mir gerade rec<t. Wo der Schüler 
gewiſſermaßen augrechnen will , wie gut oder wie böſe eine Hand- 
lung iſt, da gewinnt er eine um ſo höhere Anſchauung » des 
Bildes; wo die Aufgabe ſo formulirt iſt, daß der Schüler mit 
ſeinem Urtheile über den Werth oder Unwerth einer Handlung 
gleich bei der Hand ſein kann, ohne daß jedoch der Werth oder 
Unwerth ausdrülic< bezeichnet wird, was wieder dumm ſein 
würde, darf der Schüler unbedenklich rehnen. Die erwähnte 
Aufgabe erfüllt dieſe Bedingung nicht; deßhalb halte ich ſie für 
unrein niht etwa, weil „Friedrich“ eine Sc<lectigkeit ſich zu 
Sulden hat kommen laſſen. 
Ueber die anſchauliche Darſtellung hat man ſchon oft ge- 
*) Päd. Jahresbr. a. a. O,. 
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