Full text: Ethische Kultur - 20.1912 (20)

Erſcheint 
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Mit der Monatsbeilage „Kinmderlans,“ Blätter für ethiſche Jugenderziehung und der Vierteljahröbeilage: 
„Weltliche Schule“ (Mitteilungen des Deutſchen Bundes für weltliche Schule und Moralunterricht). 
Herausgegeben von 
Dr. Rudolph Penzig. 
Verlag: 
XX. Jahrgang. 
Berlin, den 15. Januar 1912. 
Verlag für ethiſche Kultur Richard Bieber, Verlin 80. 16, Rungeſtraze 25--27. 
Die Verſendung erfolgt von Gottesberg. 
vier. 2. 
 
 
 
AbBödxuck ilt, loweit nicdt ausdrücklich unterſagt, nur mit vollſtändiger Duellenanmgabs geſtattet. 
 
. Inhalt: 
Simili-Kultuxr. Von W. Riedner. . 
Hochſhulpädagogiſche Tagung in München. 
Schmidtkunz (Berlin-Halenjee). 
Die neueſte Berliner Wohnungsenquete, Von L. K--r. 
Streiflichter? 
Mode und Künſtlerm. | 
Deutſch-tſchechiſche Unnäherung, 
Aus der ethiſchen Bewegung! 
Abteilung Berlin, 
Bücherſchau. 
Von Dx. Hans 
Simili-Kultur. 
Von W. Riedner. 
- Die prächtig erleuchteten Verkaufsläden, in denen 
für ein Spottgeld brillantenähnliches Geſchmeide zu haven 
iſt, müſſen ſich rentieren. Sie halten ſich jahrelang und 
ſie mehren ſich, an den meiſtbegangenen Luzxusſtraßen der 
Großſtadt. Dieſe Similibrillanten erfreuen ſim aber 
auich der ſchönſten Phantaſienamen, die ſämtlich das alt= 
modiſche Wort Simili vermeiden, und ſie funkeln bei ge= 
ichidter Beleuchtung wirklich brillant, wirklich -- täu- 
ichend! Ja, ſie ſind wahre Sinnbilder der weltſtädtiſchen 
Fultur-in dem Stadtungeheuer, das ſo täuſchend feſt auf 
den märliſchen Sand gebaut iſt und ſo blendend gleißt 
und funkelt -- bei künſtlicher Beleuchtung und wenn man . 
nicht zu nahe hinſchaut. - 
Man braucht kein Eiferer zu ſein, um zu ſolcher Ver=- 
aÜgemeinerung zu kommen. Das reichShauptſtädtiſche 
Leben drängt ſie einem immer lebhafter auf. Daß die 
Similikultur nicht für alles kennzeichnend iſt, was da in 
Großberlin kreucht und fleucht, daß vielmehr in diejem- 
Gemeinweſen von. mehreren Millionen Menſchen auch. 
ungemein viel ehrlich gearbeitet. und ſchlicht gelebt wird, - 
vas. gehört ja zum Selbſtverſtändlichen. Ungeheuerlich 
aber kommt einem nachgerade die unverhältniSmäßig an- 
gewachſene und weiterwachſende Menge der unechten 
Dinge und Lebensführungen. vor. 
mindeſtens8 die „Repräſentation“ übernimmt. | 
Die Betrüger-, Sc<windler-, Hochſtapler-Prozeſſe 
haben. ſich in. den lezten Jahren auf bedenklichſte Weiſe 
geha Und öfters offenbarte ſich dabei eine Eintracht 
von Ho 
bultnismäßig ſelten die Schwindler es bis zum Gerichts- 
Und unerträglich das - 
(Gefühl, daß überall in der vollen und halben Oeffentlich-. 
feit das glißernd Unechte mehr und mehr die Herrſchaft, 
<4 und Niedrig ,- die eines bedeutend edleren 
Zwecdes wert geweſen wäre. Wenn man bedenkt, wie ver- 
 
-.. 
verfahren fommen laſſen, und wenn man außerdem 
Augen hat, ſelber gelegentlich das Großberliner Simili- 
weien zu beobachten, jo erhält man den Eindruck, daß 
faum ein Stand mehr ganz frei iſt von der „Weltſtadt - 
fäauinis der Unedtheit. 
Da gibt es: unedle Adlige, die ihren aiten Icamen 
guSbeuten; <arafterſ<wache junge Offiziere, die eine 
ſchöne Zukunft um fragwürdiger Vergnügungen willen 
verſcherzen oder zuleßt mit des Königs buntem Ro> ein 
vermögliches Weibchen ködern; Geſchäfisleute, die vom 
Geld vertrauenSvoller Mitmenſchen fürſtlich leben, bis 
die Similiherrlihkit zuſammenkracht und die Gediegenen 
um die Früchte ihrer Gediegenheit gebracht jind; Beamte, 
ſtaatliche und andere, Inhaber von Vrirauenspoſten un- 
terſ<iedlichen Ranges, die jahrelang oder mit einem 
kühnen Griff die anvertraute Kaſſe beſtehlen, um eben- 
falls Woltſtadtfreuden ohne Cinſ<ränfung zu gemeßzen; 
und dann das ganze Heer der mehr oder minder gewerb5- 
mäßigen Scwindler, der falſchen Grafen und Barone, 
der Spieler und der Schlepper, der Hochſtapler und der 
Gehler, kurz -- auf gut Berliniſch -- der „Schieber“; im 
Anſchluß an ſie gedeiht ein Teil der derberen Verbrecher, 
die mit der äußeren Form. des Gentlemendafeins no<ſ 
zicht ganz gebrochen haben: über alle Gruppen aber recht 
unparteiiſ< verteilt, zuweilen Opfer, zumeiſt Helferin, 
Anſtifterin, Ausbeuterin, die würdeloſfe Sorte Frauen- 
zimmer. Alles Förderer der Similikultur -- aber micht 
etwa die einzigen. Vielleicht nicht einmal die ſ<limm- 
ſten, da ihre Maſſe und Macht denn doh ſchließlich nur 
eine leine Minderheit innerhalb der bürgerlichen Welt 
bedeutet, alfo einen Einfluß auf das Gemeinweſen nur 
ausSüben kann, wenn auch in der bürgerlich ordentlichen 
Hauptmaſſe irgendeine Neigung zum Scheinleben im 
Spiel itt. | | . 
Auf zwei Haupteigenſhaften beruht ja offenbar Die 
vraſtiſchere. Erſcheinungsform der Similifultur, Das 
großſtädtiſche Schwindlerweſen: auf der Gier, mühelos 
troß angeborener- oder „erworbener“ Mittelloſigkeit üppig 
311 leben, und auf dem hieraus. gewöhnlich entſpringen- 
den Beſtreben, ohne Berechtigung den Schein berechtigter 
Vornehmheit zu exrweken oder feſtzuhalten. Alſo auf 
Genußſucht und Lüge. - Der richtige „Schieber“ kleidet 
und betitelt und benimmt ſich ſo fein er'8 nur kann.. Na- 
türlich wird die Abſicht nicht immer rejtlos verwirklicht, 
'aber das liegt dann halt an unüberwindlicen Hemmun- 
gen. Solche Hemmungen und damit auch der Trieb zu
	        

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