Full text: Ethische Kultur - 20.1912 (20)

Nahrungsmittel für einige Wenige produzieren, heute können 
einige Wenige Nahrungsmittel für Tauſende produzieren. 
Die Hungers8not fürchtet man nicht mehr, aber Ueber- 
produktion iſt das Schre>geſpenſt unſerer Zeit. Um dieſen 
Dru> zu erleichtern, wird der Handel fo ſehr als möglich 
begünſtigt und die Ausfuhr gefördert. Je mehr die Völker 
erwerben, deſto mehr wächſt die Armut. 
Daß Europa und Amerika die ſoziale Frage nicht zu 
löſen vermögen, das hat ſeine Urſache darin, daß ſie nicht 
die Landfrage zu löſen gewußt haben. Mit dem Fortſchritt 
der Ziviliſation ſteigt der Wert des Bodens. Vor hundert 
Jahren betrug die Bevölkerung Gngland8 nicht mehr als 
zehn Millionen. Heute hat ſich die Bevölkerung verdreifacht, 
aber die Landwirtſchaft produziert nicht genug für zwei 
Monate im Jahr. Die reichen Engländer haben die Aecer 
in Wieſen und Wildparke verwandelt. Die Landwirtſchaft 
iſt preisgegeben worden und das Volk hat ſich, um zu 
leben, anderen Beſchäftigungen zugewandt. Aber die ge- 
ſamte Induſtrie iſt in den Händen der Beſißenden und die 
Arbeiter ſind von ihnen abhängig. 
In China iſt der KapitaliSmus no<h nicht aufgetreten. 
Der Wert des Bodens iſt ſeit etwa 1000 Jahren derſelbe. 
Nach der Revolution wird es aber nicht jo bleiben. Daß. 
in Hongkong und Shanghai der Bodenwert bereits auf ein 
vielfac<es des früheren geſtiegen iſt, rührt von den ver= 
beſſerten Verkehrsmitteln her. Jede weitere Verbeſſerung 
vermehrt den Bodenwert. Vor 50 Jahren hatte das Land 
von Wamphoa in der Nähe von Canton keinen Wert, heute 
Ut es bereits Millionen wert. Davurch werden die Reichen 
reicher und die Armen ärmer. 
In zehn Jahren wird die ſoziale Frage dringender 
ſein und wird jeden Tag an Bedeutung gewinnen. Wir 
können nicht daran vorübergehen, aber ſpäter wird es un- 
möglich ſein, ſie zu löſen. Daher müſſen wir ſie ſchon 
Heute angreifen. 
Ih glaube, daß die Löſung der ſozialen Frage in 
einer Abſchägzung und Beſteuerung der Bodenwerte liegt. 
Wenn 3. B. ein Grundbeſizer ein Stü> Land hat, daß 
1000 Viaſter wert iſt, wird der Wert auf 1000 Piaſier 
feſtgeſest, aber wenn der Wert jich jpäter auf 10000 
Piaſter erhöht, ſo ſollten dem Eigentümer 2000 und dem 
Staate 8000 Piaſter gehören. Damit würde den Miß- 
bräuchen der Reichen, die den Boden monopoliſieren, ge- 
ſteuert. Die ſoziale Reform würde auf die leichteſte und 
einfachſte Art verwirklicht. 
In Europa und Amerika iſt der Bodenwert heute auf - 
ſeinem Gipfelpunkte und es iſt unmöglich, den Wert genau 
feſtzuſtellen, weil es keine allgemeine Abſchäzung gibt. In 
jenen Ländern, wo der Wert des Bodens noc< nicht ſo hoch 
iſt, iſt es noh Zeit zu handeln. Aus dieſem Grunde haben 
die Deutſchen in Kiautſ<hau und die Holländer in Java 
(mit der Bodenbeſteuerung) ſo gute Erfolge gehabt, In 
Thina hat die Zwiliſation noch keine ſolche Fortſchritte 
gemacht wie in Guropa und der Bodenwert iſi noch niedrig, 
daher wird die ſoziale Reform in unſerem Lande leicht ſein. 
Wenn wir dieſe Reſorm einführen, ſo wird mit jedem 
Fortſchritt der Ziviliſation ſich der Reichtum unſeres Staates 
vermehren und finanzielle Schwierigkeiten werden aufhören, 
uns zu bedrängen. Wir können die heutigen, drückenden 
Steuern abſchaffen, den LebenS3unterhalt verbilligen. Alles 
wird von Grund aus anders8 ſein. 
In Europa, in Amerika und Japan drücken ſchwere 
Steuern das Volk. In China wird e8 nach der Revolution 
keine Steuern geben, au8genommen die Bodenſteuer und 
da3 iſt genug, um China zum reichſten Land der Welt zu 
machen. Dann werden wir nicht mehr andere nachahmen, 
fondern anderen ein Beiſpiel ſein. 
Wir kämpfen alſo für unſere nationale Unabhängigkeit, 
weil wir nicht dulden können, daß eine Handvoll Mandſchus 
ans beherrſcht, wir erſtreben eine politiſche Umwälzung, weil 
 
wir nicht wollen, daß ein einzelner Mann die ganze Macht 
der Regierung in ſeiner Hand vereinigt und wir arbeiten 
für eine ſoziale Reform, weil wir nicht wollen, daß eine 
Handvoll reicher Müßiggänger ſi< den größten Teil des 
nationalen Reichtums aneignet, Wenn wir dieſes dreifache 
Ziel in einem Punkte verfehlen, ſo bleibt unſere Aufgabe 
unerfüllt.“ 
Dieſe Rede wurde von der Verſammlung mit großem 
Beifall aufgenommen. Die japaniſche Regierung wies den 
Redner, um der dineſiſchen Regierung gefällig zu ſein, aus 
Japan aus. Ob Dr. Sunyatſen imſtande ſein wird, ſein 
ſoziales Programm zu verwirklichen, muß die Zukunſt 
lehren. Wenn in ſeiner Rede auch an einigen Stellen der 
Doktrinarismus des einſeitigen Bodenreformers durc<hſchimmert, 
ſo baut ſich ſein Programm doh auf einen klaren Grund=- 
gedanfen auf, der in <hineſiſchen Verhältniſſen, wie Sunyatjen 
felbſt immer wieder betont, leichter durchzuführen ſein mag, 
als in Europa. 
Hößen uns Tiefen der Merniſchbeit. 
Wie ein Wetterſirahl hat der Maſſentod im Aſyl für 
Obdachloſe wieder einmal die elenden Verhältniſſe beleuchtet, 
in die alljährlich tauſende unſerer Voiksgenoſſen infolge von 
Hilfloſigkeit, Krankheit, Arbeitsloſigkeit und Verbrechen hinein=- 
getrieben werden. Und doch bilden die Obdachloſen nur einen 
ganz beſcheidenen Prozentſaß der Verwahrloſten. Angeſichts 
dieſe38 Clend8 wäre es philiſtröſe Enaherzigkeit zu fragen: 
Iſt dieſe8 Schickſal nicht oft ſelbſt verdient? Wer ſich ſelber 
ohne Schuld fühlt, werfe den erſten Stein auf dieje Un- 
glüdlichen, für die der Maſſentod nur eine Maſſenerlöjung 
war. Nicht in ihrem Tod, in ihrem Leben liegt die große 
Tragödie. Was8 bedeutet das bischen giftiger Alkohol im 
Vergleich zu den ungeheuren Doſen von LebenSsgiften, durch 
welche die Verwahrloſten allmählich aus der menſc<lichen 
Gemeinſchaft ausgeſtoßen wurden! 
Die weitgehende Hilfe, das allgemeine Jntereſſe, die 
polizeiliche Fürſorge, die den Erkrankten zuteit wurde, als 
der Tos unter ſie trat, berührt == ſo wenig wie wir fie 
miſſen möchten =- doh faſi wie eine bittere Jronie, wenn 
man ſich klarmacht, daß ein kleiner Teil diejer Hilfe und 
Fürſorge vielfach genügt hätte, die Ausgeſtoßenen vor dem 
Niedergang zu retten, wenn fie ihnen zur richtigen 
Zeit geworden wäre! 
Die Kataſtrophe hat uns nur einen allgemeinen Einblick 
in da8 Leben der Obdachloſen gegeben, und dieſer iſt jchon 
erſchütternd genug! Würden wir die Einzelſchi>jale kennen 
und überſehen können, durch wie viel ſoziale Schuld dieje 
Enterbten auf die ſchiefe Ebene getrieben worden ſind, wir 
würden noch einen ganz anderen Anſchauungsunterricht er- 
halten! In wie vielen Fällen iſt nicht Unterernährung, 
allgemeine Körperſ<wädhe, Ausbeutung im jugendlichen Alter, 
ererbte moraliſche und phyſiſche Minderwertigkeit der Grund 
für Verwahrloſung, Arbeitsſcheu und Verbrechen! Die Frage 
nach der perſönlichen Schuld muß hier ebenjo radital aus- 
geſchieden werden, wie eiwa die Frage nach dem perſönlichen 
Verdienſt, bei denen die „anſtändig bleiben", wenn ſie in 
guten Verhältniſſen leben und durc< allerlei joziale Sdhußge- 
mauern vor der Leben3not geſchügzt ſind. An die Stelle 
von Verdienſt und Schuld müſſen wir die ſoziale Kombi- 
nation und Tradition ſegen, die als Machtfaktoren von ſolcher 
Gewalt wirken, daß der EGinzelmenſch mit ſeinem zwerghaſten 
Wollen und Können zu neun Zehnteln ausſcheidet. Over- 
flächli< betrachtet iſt dieſe Tatſache zermalmend. Genau 
beſehen iſt ſie aber nicht nur für die vorurteilsfreie Beur- 
teilung der Verwahrloſung, ſondern auch für ihre Bekämpfung 
von grundlegender Bedeutung. Denn es folgt daraus, daß 
Gemeinſchaft8elend nur durch wohlorganiſierte Gemeinſchafts 
. hilfe, von der ſich niemand ausſchließen darf, überwunden 
 
werden kann. Je mehr wir die ſozialen. Kräfte erforſchen
	        

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