Full text: Ethische Kultur - 21.1913 (21)

Erſcheint 
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Mit der Monatsbeilage .„„Kinrdexrland5*“, Blätter für ethiſche Jugenderziehung, und der Vierteljahröbeilage : 
„Weltliche Schule“, (Mitteilungen des Deutſchen Bundes für weltliche Schule und Moralunterricht). 
Heraus8gegeben von 
Dr. Rudolph Penzig. 
Verlag: Verlag für ethiſche Kultur, Richard Biever, Berlin 80. 16, Rungeſtraße 25--27. 
Die Verjendung erfolgt von Gottesberg. 
 
XXI Jahrgang 
Berlin, den 15. Februar 1913 
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Abdruck ilt, loweit nicht ausdrüclich unterſagt, nur mit vollſtändiger Quellenangabe geſtattet. 
 
 
Inhalt. 
Sittlice Höherbildung. Von Dr. Otto Conrad (Charlottenburg). 
Jilm- „Dramatik“ und ſo weiter. Von Käte Stellmacher (Kahl- 
berg Weſtpr.) 
Die Mär vom Bater. 
Streiflichter. 
Amtsſtil. 
Ein Irrtum. 
Aus der ethiſchen Bewegung. 
Au3 der Sigzung des Hauptvorſtandes. 
Abteilung Berlin. 
Bermiſc<te2. | 
Bücherſchau. 
Eingegangene Bücder. 
Anzeigen und Mitteilungen. 
Siltliche Hößberbildung. 
Von Dr. Otto Conrad (Charlottenburg). 
5 iſt eine viel umſtrittene Frage, ob es einen fit 
tichen Fortſchritt in der Entwicklung der Mc nij<4heit 
gibt; es iſt keine Frage, daß es in Der Entwicklung Des 
einzelnen eine ſittliche Höherbildung gibt. 
Eine Erfahrung, die jeder ſittliche Menſch macht, 
beſteht darin, daß wir eine Arbeit, die wir uriprünglich 
aus eigennübßigen Motiven unternommen haben, Ichlicß- 
(iG in dauernder Beſchäftigung mit iör liebgewinnen unD 
um ihrer ſelbſt willen fortführen. .So wahlt man jich 
einen Beruf aus, zunächſt vielleicht aus äußeren Grün- 
den, allmählich aber geht man ſo in ihm auf, daß man 
ſich =- etwa als Lehrer =- gar keine jehonere Aufgabe den- 
ten fann, als in dicſer Weiſe der Hoherbildung Dex 
Menſcheit zu dienen. Hier vollzieht fie) ganz deutlich ein 
Motivwandel, indem an Stelle der urſprünglichen 
folbſtiſchen Beweggründe allmählich ſelbſtloſe treten. Ob 
jmd wann der Motivwandel eintritt, hängt von der Ber- 
anlagung und Erziehung des einzelnen ab. Daß ex it- 
gendeinmal ſich einſtellt, müſſen wir von jedem, Dein WIL 
das Prädikat ſittlich zuerkennen, verlangen. Der oben 
beſchriebene Motivwandel iſt alſo eine dur<aus nor- 
male Erſcheinung, die mit dem Wejten der menſchlichen 
Seele zuſammenhängt. Iu ſeinem bekannten Buche 
„Charakterbegriff und Charattererziehung“ macht & e t= 
ic<enſteiner auf dieſe Tatſache aufmerkſam und jagt 
ſehr richtig: „Der Aufſtieg der menſchlichen Kultur wäre 
ohne ihn faum denkbar“ (S. 187). Wir haben hier ein 
Geſetz vor uns, das für die Pſyhogeneſe von allergrößter 
Bedeutung iſt. Derjenige, der es zuerſt klar erfannt hat, 
(Ein Gleichnis zur Glaubensfrage.) 
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iſt der Pſychologe und Eihifer Wilhe [m Wundt: er 
nennt e& das Prinzip Dex Heterogonice Der 
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Zwel>e*). Wundt verſteht darunter 
„Die allgemeine Erfahrung, daß in dem gejamien 1m 
fang menſchlicher WillenSsvorgange die Wirkungen der Hand- 
lungen mehr oder weniger weit über die urſprünglichen Wil- 
lenamotive hinausreichen, 19 daß hicrdurg Jur iun7tige vand= 
[ungen neu c Motive entſtehen, vie abermals neue Wirfungen 
hervorbringen, an denen fich nun der gleiche Prozeß der Um- 
wandlung von Erfolg in Moriv wicderhoien fann.“ 
Die geſamte Geiſresgeſchichte iſt voll von Belegen 
für diefes Geſc, am meiſten vielleicht die Gehichre DCS 
religiös-fittlichen Lebens. Nur ein Beiſpiel iei DICE an= 
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Die Jdec des Meſſias und die andere L 
Gundence des Reiches Gottes entſpringen offenbar aus 
gefieigerten GlückSbedürfiis, aus einer being 
geführt. 
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[ich gleicß Gorechtigfeit Gortes, wd Die Vorbedinmumag ir 
die Selbſthingabe. Das iſt eben, meint Wundt 
„das pſychologiſche Gebeimnis dor Montc<onnamr Das 
dennoch gar fein Geheimnis, ſondern mit dexen <chwäcben und 
Vorzügen verbunden. Ut, daz das Gure das Schlechte Zu einer 
Voransſehung bat. Dieſe Geburt des Höchen aus deim Nic 
derſren, der 'erhabenſren Zdeale aus Den gemeinen Miporiven, 
aus Wahn und Selbſtſucht, ne ir fein gebeimmnisvoller Kamp) 
übermenſchlicher Weſen oder fosmimcher Krafte, wie ibn Winz 
tbolſogice und Myſrif fich ausmalen, ondern 1e er IS Werk 
ciner pfuchologiſchen Geſebmaäßigkeit, die dem menſchlichen Be- 
wuüßtiein von feinen einfachſten bis ZU 1einen vollfommen!en 
Berätigmumaen eigen it“ Crhik 11, 335". 
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Wir haben vine Siufenfolge von Worivent UD 
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und humane In feinem Werke „Elomente der Volfor- 
mychologie, Grundlinien einer viychologiſchen Entmrwick- 
. - Frs L+ x3*' v vA 1a 94 4 - 930920 14 & "+ 3,1 wm - 
ung8geſc<hichte der Menſchheit“ zeichnet Wundt die Piy- 
<hogeneſe des Menſchen, das Auffreigen des Geiſtes von 
. zrAaNaYN .« hair = Ex AMA 5< Din " ert tei 
der niederen zur höheren Stufe. Das Ziel det fittlichen 
Entwicklung iſt ihm die Humanitad, DIC WIL ZU VCL 
wirklichen ſuchen. ) 
Das Wunderbare iſt, daß aus Ge>= 
fühlen und Trieben nichtſittlicher Art fittliche Motive her 
vorgehen. „Durch dicje natürl ige Entſtich- 
ung ſittlicher Triebe aus vorſittlichen 
AnlagenbildetdieſittlicheWeltdasgro9ß- 
X - 
. 
Ww 
*) Vergl. meinen Aufſaßs „Das Prinzip der Heterogome 
ver Zwecke. . .“ Deutſche Schule 1913, Jamtarheft.
	        

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