Full text: Ethische Kultur - 28.1920 (28)

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'Zegen den Jonjt drohenden Sieg eines militariſtiſch-monar- 
<ijtiſc<en Kandidaten ſein, ſondern auc einen poſitiven Ge- 
winn erſten Ranges für die deutiche Außenpolitik darſtellen. 
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Auf dem Kongreß? 1 ſelbſt wurde u. a. folgender Beſchluß 
angenommen: 
. Bölferbund und Erziehung. „Der Kongreß [ordert 
eine Erzichung der Menſchheit für den Völkerbund und Ddur< 
den Völkerbund. Das Joll nicht heißen, daß die Lehren des Pa- 
zifiamus al38 Unterrichtzfach vorgetragen werden jollen. Das 
Weſentliche iſt, daß dice Erziehung in allen Ländern cxfüllt 
werde von dem Geiſt einer die ganze Menſhheit umfaſſenden 
Gemeinſchaft, von vem Gedanken der Freiheit, der Gerech- 
tigfeit und der Singabe an die Allgemeinheit, einer Brüder- 
lichkeit, die nic<t Halt macht an irgendwelchen Grenzen des 
Volks8tiums, der Klaſſe, des BVeruf8, dcs Glaubens oder auch 
nur der Goſinnung. 
Der Kongreß fordert, daß auch unabhängig von Dem 
Schifal des Völkerbundes in dieſem Gaſt die Beſtimmung 
Der ReichSverfaſſung verwirklicht werde, die in Artibel 148 als 
Das Zicl der dffentlichen Erziehung aufftelt: „ſittliche Bil- 
dung, faat2bürgerliche Geſinnung, perſönliche. und berufliche 
Tüchtigkeit im Sinne des deutſchen Volkf8stums und der Bol- 
- Ferverföhmung“. Gin Volk, das fich zuerſt und entſchieden in 
den Dienſt dieſcr Erzichung zu einer neuen Menſchheit8- 
gemeinſchaft fvellt, wird nicht ſchwächer, ſondern ſtärker; denn 
Teinem Gedanfen gehört die. Zufunft.“ 
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Unſer Geld. Manchmal macht die Weltgeſchichte Doch 
Jar micht üble Wikße. War «5 nicht: ein ſolcher, wenn die 
Franzoſen in Der „großen“ Revolution, nachdem jie ein paar 
Sahre dur< den unau?hörlichen Dru>äd von Alſſignaten ihre 
icon vorher bruſtſchwache Währung völlig Lungenkranf ge- 
madt hatten, jic dadurc< zu heilen ſuchten, daß )ic die Drut>er- 
preſſen zörbrachen = an anderer Stelle aber neue aufſtellien 
und mit denen neues Papiergeld druckten? | | 
Faſt T<hcint cs, als follie es uns ähnlich geben. Viur 
vefinden wir 1ins in Verlegenheit, welche Ari von Zahtungs- 
mitteln wir ſtatt Des Papiergeldes, das immer weniger wert 
wird, produzieren ſollen. Das Dumme an der Sache iii näam- 
lich, daß auch die Herſtellung von Zahlungs8mitteln, houte, wo 
alle8 ein fabclhaftes Geld koſtet, märchenhafte Summen cr- 
fordert. Der Reichsfinanzminijter hat im Mai 1920 eine Ver- 
vrdnung erlaſſen, wonach Cin- und Zweipfennigjtüde nicht 
mehr geprägt werden ſollen. Die Herſtellungskoſten Dieſer 
Münzen find 7o hoch, daß ſie ihren Nennwert weit Überſteigen, 
telbſt wenn man das geringivertigjte Metall verwenden wollte. 
Dazu kommt dic Sucht eines Teils der Bevölkerung, Reich8- 
münzen Jelbſt mit geringem Metallwert zurückzuhatten. 
Vebrigens baben dieſe kleinen Münzorten ja nicht mehr 
Die Bedeutung wie früher. Wo man 1ie nicht entbehren zu 
fonnen glaubt, hilft man ſich mit Dreipfennigmarken, zumal 
da man Dieſe für die Poſt ja doh nicht mehr verwenden kann, 
feitden: das Allerhilligite, was die leßtere für uns tut, 10 
Pfennige foſtet. Und die Staat8boehörden haben ſich nicht 
„anders helfen fönnen, als (nach einer Verordnung des preu- 
Biſchen Finanzminiſters) alle zu zahlenden Veträge auf volle 
3 oder 10 Pfenngie nac< oben abzurunden. Auch bei der 
Reichäverwaltung foll ſo verfahren werden. 
Andererſeits iſt das Bedürfnis nach einem Jauberern 
Weld, als es unſere gräßlich f<hmierigen Bapierſ<ceine dar- 
ttellen, jo groß, daß die Regierung ernſthaft mit der Ab- 
ficht umgeht, Porzellangeld auszugeven. Hier eröffnet ſich 
ein neucs Tätigkeitsfeld für unjere Staat3betricebe, wie 3. B. 
dic Meißner Porzellanmanufaktur. Am Horizont malt ſich 
die Moglichkeit ab, bei entſprechend geringer Arbzitsleiſtung 
Riefenbetriebe zur Erzeugung dies nötigen Porezangeldes auf- 
zubauen, um eine entſprechende Zahl von Erwerb3loſen unter- 
zubringen. Man ſage nicht, daß die neuen Porzellanmänzen, 
für die man in Meißen bereit3 Probeſtü>e fertiggeſtellt hat, - 
nicht mehr wert ſeien, als ein Hoſenknopf. Das war früher 
einmal. Heutc hat alles ſeinen Wert --- und gerade die 
billigſten Sachen am meiſten. um 
Das Porzellangeld bietet große hygieniſche Vorteile: 28 
fann gewäichen werden. Auch verbrennt e8 nicht und zer- 
bricht nur jehr ſchwer. Ferner behauptet man, es fönne 
nicht gefälſbt werden. Freilih wollen wir da lieber erſt 
abwarten, was unſere Herren Fälſicher dazu ſagen, die doch 
wohl verſuchen werden, ihre techniſchen Kenntniſſe auch auf 
Dieſem Gebiet ſpielen. zu laſſen. Daß andererfeit3 das 'Por- 
| *) Beſchlüſſe des IX. Deutſchen Pazifiſtenkongreſſes in 
Braunſchweig, Oktober 1920. 
immer wohler und fröhlicher zu Mute. 
 
zellangeld einen Lärm macht -- im Gegenjaß zu Dem Laut- 
lofen Papiergeld, das an die Sielle der klimpernden Gold- 
und Silberſtüte getreten iſt -- nicht nux wenn man e3 auf- 
zählt, jondern auch wenn Jich die Stücke in der Taſche an 
einander reiben, it ein tleiner Schönheii3fehler, den man 
beute, wie das Rajtjeln allgemein zum Handwerk gehört, mit 
im Kauf nehmen muß. Außerdem bietet es den Vorteil, daß 
die Herren Diebe ohne weiteres hören können, welche Men- 
gen Porzellangelbd eine vielgeplagtbe Hausfrau bei ihrem Gang 
auf den Markt bei ſich trägt. Denn fix muß ja f<on einen 
ertledlichen Teil davon bei ſich führen, will ſie bei den heu- 
tigen Preiſen irgend eiwas erſtehen. Früher fFonnte man 
mit 10 Mart weit fommen; für 20 Mart fonnie fie joviel 
kaufen, Daß Tie es in einem großen Henkelforbe nicht nach 
Haufe T<hGaſfen fonnie. Houte aber muß die Hausfrau meitt 
über 50 Mark bei fich führen, will fige nur die boſcheidene 
Wochenration für ihre Familic einholen. 
Jedenfalls können unſcre Staatsbotricbe in der Grzeu- 
Jung Dicſcer neuen Zahlungsmittel einen lohnenden Erwerb8- 
ziveig finden. DaSielve gilt für die Erzeugung neuer Brief- 
marien. Die ſteht ja in volliter Blüte. Und auch dabei 
prieſt umere Geldentivertung eine nicht geringe Rolle -- die 
Tariſpolitik der bisherigen Regierung nicht zu vergeſſen. 
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Während der gewöhnliche Sterbliche früher Briefmarken zu 
einer Mark nur in den jelienſten Fällen 311 Goficht bekam und 
dann ehrfürdciig beſtaunte, ind fic beute für jeden Ginihreibe- 
brief? cine "elbliverrändliche Sache. Bricimarken aber zu Teo 
fabelhaften Preiſen wie zu 19 oder qar 20 Wark gas es früher 
überhaupt nicht, weil ſie niemand brauchte. Heute jind fie 
infolge uferlolfer Lorioerhößhung eine? Notwendigkeit geiporden, 
jo daß die Meichädrufceret jebt den Auftrag erbßalten Hat, 
Briefmarken in diefen beiden Beirägen berzutellen. In der 
deiutichen Toſigeſ<icbte iſt auch das eiwas ganz Netos. Bis 
vor einen Men1ichenalter gab es VBriefmarfen für den öffent- 
lichen Berfehr mir bis 31.50 W Nur Tür den inneren 
Dienſtbotricb hatte man Wertzeichen von 1 und 2 Mark ber- 
geſtellt. Erſr unter dem Staatsfefreiär Rodtielsti wurden 
dann Marken bis zu 5 Mark a1u8gegeben. Bis zum benrigen 
Tage gab 28 hößbere nit. Jet wird dom dringenden Ve- 
dürfnmls, das durch 1 
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Geldentwertung ind gewaltige Rorto- 
exhöhungen bervorgerufen it, durc die neuen Briefmarften- 
jorten von 10 und 20 Mark entſprochen. Geht 43 fo weiter, 
wie in den leßten WVonaten, jo eröffnen fich auch hier unge- 
ahnte Rerſpektiven, da wir dann alsbald bei Brieimearfen 31 
40 3 d 50 Ma F ; Ta 5: 453 „4 - 
40 und 50 Mark anlangen dürfien. 
Dr. Erni Schülße- Leipzig. 
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Die Ablöſung der Neujahrsglückwünſche. Vor einigen 
gahren wurde der Vorſchlag gemacht, zur Ablöſung von Neu- 
jahrsglüdwünichen Geld an Arme zu Tpenden. Dieſer Vor- 
I<lag batte anfangs viel Verlo&endes. Cs wurdo geltend 
gemacht, daß die Armen Mittel erhielten, und man Jelbir da- 
dur<4 viel Zoir orſpare. Der ſchüchterne Ginwand, daß man 
dann auch am Neujahrsfeit um das Vergnügen käme, gutt 
Wünſche von lieben Freunden und Bekannten zu erhalien, 
ipvurde als lächerlich hingeſtellt; denn, hieß es, dieſe Wünſc<&e 
würden meiſt nach einer vorher fertiageſtellten Liſte gan3 me- 
dgamid geic<ricben, ohne eiwas Dabr-i zu denken, aliv Tönne 
man lich auch beim Gmpfang derſelben nicht viel denfen. =- 
Dor praktiſche Vorſchlag wurde alſo allgemein angenommen. 
Mehrere Jahre vergingen ſtill und einfam; man hörte 
nicht viel von feinen Bekannten; jedor Ginzelne war durch 
den Kricg dirckt oder indirekt in Anipruch genommen. 
Als nun der erſte Sommer nach dem Kriege gekommen 
war, lodte er uns hinaus aus der Alltäglichfeit, um wieder 
Wald und Feld zu durchſtreifen. O, wie ging uns das Herz 
auf beim Anblie> der lang? nicht genoſienen Naturſhönbeiten! 
Jeßt, iwo wir ſie vor uns ſahen, kam uns erſt recht zum Be- 
wuüßtivin, was wir enibehrt hatten. Mir jedem Atemzuge ge- 
noſen wir, was Mutter Natur uns ſpendete, und uns wurde . 
Wie lange hatten 
wir nicht an all die mannigfachen Schönheiten gedacht. die uns 
hier umaqabben. | 
Cin wonnmiges Gefühl, ähnlich dem am Neoujahrömorgen, 
Weib im die Glüdwunſchbriefe von alten licben Freunden und 
Bekannten empfing, überfam mich. Da fiel mir der Vor- 
'<lag zur Ablöfung der Newjahrsglückwünſche wicder ein. 
Soll man ſie wirklich abſchaffen ? J< denke nein; wenn auch 
manche Dieſer Briefe wirklich nux mechaniſch geſchrieben ſind, 
der Empfänger hat Doch ſeine Freude daran. Alte Freunde 
tauſchen das Gefühl Der Licbe und Troue aus, gelo>erre Bande 
werden wieder neu geknüpft, neue Bekannte nähern ſich mit 
einem Zeichen des Gedenkens, dankſ<huldige Herzen finden Ge- 
legenbeit dur<&* cinen Glückwunſch ihren Gefithlen Ausdruck
	        

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