462 Vergleichende Gemäldeſtudien.
noc< ihre Blüten treibt, das Kunſtwerk als Vorwand zu betrachten, um ethiſche
und kulturhiſtoriſche Betrachtungen daran zu knüpfen. Die Künſtler ſelbſt ſind
es geweſen, die Wandel getroffen haben. In Deutſchland in der Hauptſache
Klinger („Malerei und Zeichnung“) und Hildebrand („Das Problem der
Form in der bildenden Kunſt“). Den von den Künſtlern eingeſchlagenen Weg
iſt auch die kunſthiſtoriſche Forſchung gegangen; ſie iſt unmittelbar an das Kunſt-
werk herangetreten, aus ſeiner beſonderen Art hat ſie die für ſein Weſen gültigen
Geſeße aufzude>ken geſucht. Sie hat nicht mehr den „geiſtigen Gehalt" als das-
allein Weſentliche empfunden, ſondern iſt auf formale Probleme eingegangen,
die dem ſchaffenden Künſtler am Herzen liegen. Wölfflin hat als erſter in
ſeinem grundlegenden Buch „Klaſſiſche Kunſt“ „Äſthetik von unten“ getrieben und
„vom Objekt das Geſet empfangen“. Ähnliche Wege geht Voll in „Vergleichende
Gemäldeſtudien“. Es ſind 22 loſe Aufſätße); ſicht man aber ſchärfer zu, ſo er-
kennt man entwiclungsgeſchichtliche Fragen als das einigende Band, und Quer-
ſchnitte durch die geſamte Kunſtgeſchichte vom 15. bis ins 18. Jahrhundert werden
an Hand ſc<harffinnig gewählter Beiſpiele gegeben. Mit einem Worte, faſt im
Vorübergehen wirft Voll ein ſcharfes Schlaglicht auf das künſtleriſche Wollen einer
Zeit, auf Kompoſitions8geſeze, Farbenſyſteme, Stilwandlungen, die das Ergebnis
kultureller Wandlungen ſind, und in ſeltenem Maße eignet ihm die Gabe, vom
Einzelfalle zum Typiſchen überzugehen, am Beſonderen das Allgemeine, der ganzen
Periode Eignende, zu demonſtrieren.
Das Buch iſt aus der Praxis hervorgegangen =- aus Übungen, die der
Verſaſſer am kunſtgeſchichtlihen Seminar der Münchner Univerſität abgehalten
hat = und für das praktiſche Leben beſtimmt. Nicht neue hiſtoriſche Bauſteine
will es zuſammentragen, ſondern das Auge ſchulen, es einſtellen auf die <arakte-
rijtiſchen Ausdrucksformen einer Epoche. Es wendet ſich nicht an den kleinen
Kreis der Fachgenoſſen allein, obgleich manches Kapitel ein hervorragender Beitrag
zur ſtrengen kunſthiſtoriſchen Forſchung iſt, „aber ſie (die Schrift) iſt nicht allein
für die Hochſchulen beſtimmt, ſondern ihr eigentlicher Zwe iſt, dem kunſthiſto-
riſchen Unterricht an den Mittelſchulen zu dienen“. Das Buch ſoll nicht in der
Schule ſelbſt verwendet werden, aber bei dem wachſenden Bedürfnis, Kunſtgeſchichte
dem Lehrplan der Mittelſchule einzugliedern, wird ein, oder beſſer, der einzig
gangbare Weg gezeigt. Nicht um kunſthiſtoriſche Vorträge kann es ſich in der
Schule handeln, ebenſo wenig darum, Kunſtgeſchichte zum Memorialſach zu de-
gradieren; werden aber entſprechend ausgewählte Abbildungen in genügender
Anzahl den Schülern vorgelegt, ſo wixd man ſie unter anregendſter Selbſttätig-
feit dazu bringen können, die bezeichnenden Eigentümlichkeiten eines Künſtlers,
einer Cpoche ſelbſt zu finden. Aus dieſem „Anſchaunngsunterricht vor dem Ob-
jekt“ wird jene Schulung des Auges reſultieren, die der Hauptzwe> des Zeichen-
unterrichts iſt. Aufs energiſchſte verwahrt ſich der Verfaſſer dagegen, daß Kunjt-
geſchichte als Mittel zum Zwe, als Jlluſtration von Kulturgeſchichte angeſehen
werde. „Wir haben durc<h den großen Fortſchritt, den die Kunſt in den leßten
Dezennien genommen hat, gelernt, daß das Weſentliche am Kunſtwerk die rein
1) Karl Voll: Vergleichende Gemäldeſtudien. Mit 50 Bildertafeln und 202 Text:
ſeiten. Geb. 9 X. Münden, Georg Müller, 1907.