reform oder Abjſtinenzbewegung, die Altersfürſorge
vder Jugendbewegung berückſichtigt averden. Aber
auc Jowohl die Kultureinrichtungen und Unter-
ſtüßzungsfaſſen der Gewerkſchaften (aller Richtungen.
einſchließlich der „Gelben“) wie der Arbeitgeberver-=
bände, des Kyffhäuſferverbandes, Jungveutſchen Or-
dens, Reichsbanne138, des Stahlhelms wie der Roten
Hilfe; wiſſenſchaftliche Forſchung und Volfsbildung,
Wohnung8-, Siedlungs-, und Genoſſenſchaftswejen,
Heimarbeitösreform und Begaötenförderung, die
Selbſthilfebeſtrebungen der Kriegsveſchädigten wie der
Friedens3invaliden, Klein- wie der Svozialrentner,
Kinder- und Altersfürſorge, Maßnahmen für eine JIe-
form der Strafrechtspflege oder für eine gemeinnüßige
Mutterſchaftsverſicherung. = furz, jede Kulturbewe-
gung fönnte -- wenigſtens im Prinzip -- erfaßt und
gefördert werden. Mit größeren oder kleineren Be=
trägen, je nach der Zahl und dem Entſchluß der Män-
ner und Frauen, welcher geiſtigen, ſceliſchen und ſitt=
licßen Jdee ſie die Kraft und den Ertrag einer ein-
zigen Stunde im Jahr weihen wollen.
Dieſen pſychologiſch leicht verſtändlichen und die
Wirfungsfkraft eines derartigen VBolks-EChrendanks
fördernden Vorteilen ſtehen natürlich auch mannig-
fache Schwierigkeiten gegenüber. Die Lohn- und Ge-
haltsempfänger ſind leichter zu erfaſſen und werden
ſomit von einem mehr oder weniger großem Mtiß-
trauen erfüllt ſein, ob die Arbeitgeber, die Rentner
und freien Berufe ebenſo rechneriſch genau ihre Ehren-
pflicht erfüllen werden. Es kann ſich ja bei diejen
Kreiſen meiſt nur um eine ſchäzungsweiſe Berech-
nung de8 Durchſchnitt8gewinn8 handeln. Gegen die
Einführung einer Ueberſtunde können = angeſichts
der Arbeitsloſigkeit -- auch volf8swirtſc<haftliche Beden-
fen gehegt werden. Andererſeits dürfte es weiteſten
Schichten leichter fallen, eine Stunde im Fahr mehr zu
arbeiten, al38 eine Abgabe vom bisherigen Lohn und
Gehalt zu leiſten. Natürlich müſſen auch Sicherheiten
geſchaffen werven, daß 3. B. politiſche Organiſationen
ihre Einnahmen nur für ſozialfulturelle Zwede --
wenngleich innerhalb ihres Weltanſchauungsfkreiſes --
verwenden, daß nur die Bildung8-, Forſchungs- und
Unterſtügungsöeinrichtungen der Gewerkſchaften oder
Arbeitgeberverbände berückſichtigt werden, ſodaß nicht
etwa Streikf-Ausſperrung8-, wirtſchaftliche oder gar
politiſche Kampffonds geſtärkt werden.*)
Ob dieſe Opferſtunde am Tage der Kriegserklä-
rung oder Friedensſchluſſes, an einem ſchon beſtehen=-
den oder erſt zu ſchaffenden Volkögedenktag ſtattfin-
den foll, kann zunächſt unerörtert bleiben. Dann mÖ=
gen zu jener Stunde die Glocken im ganzen Lande er-
flingen, die Fahnen überall auf Halbmaſt gehen, dann
werden ſi auc< volkstümliche Sitten und ſymboliſche
Bräuche in Fabrik und Kontor, in der Schule, im
- Hauſe und auf der Straße, im Vereins8- und Geſell-
ſchaftöleben entwickeln. Notwendig wird aber jein,
daß man von allen biSherigen Formen und Bräuchen
*) Sehr ernſt, aber auch völlig vorurteilslos wird die
Irage zu prüfen jein, ob und inwieweit ſelbſt die Orgqa-
niſationen heranzuziehen wären, die programmatiſch die
feßige Staat3form verneinen. Auch ſie haben Opfer an
Gut und Blut gebracht. Selbſt bei vollſter Sicherung einer
rein ſozialen, kulturellen oder humanitären Verwendung
der Sammlungserträge würde indirekt eine Stärkung ihrer
politiſchen (evtl. ſtaaatsfeindlichen) Macht erfolgen. Es
wird die Frage zu erörtern ſein, wel<e Gefahr größer iſt:
weitere Verſtärkung der Gegenſätze dur< Ausſc<luß, oder
Mitbeteiligung und ſomit (wenn auc<h bedingte) Anerken-
nung einer ſozialen Volks8gemeinſhaft auch mit dieſen
Kreiſen. Dieſes Problem kann hier natürlich nur ange-
deutet werden.
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Av +
von Volksſammlungen abſieht, inösbeſondere von Geld-
ſammlungen auf der Straße und in den Wohnungen,
vom Verfauf von Wobhlfahrtsblumen, Karten und
Erinnerungszeichen und von dex entgeltlichen Weran-
italtung von Konzerten, Aufführungen oder gar di-
reften oder indirekten Vergnügungen. Dieſe Formen
ſind mißliebig geworden und würden auc< der Grund-
idee, einer freiwilligen Entſchließung, widerſprechen.
Natürlich wird auc< eine gewiſſe Propaganda des Ge-
danfens notwendig werden. Sie darf ſich aber nur auf
die Verfündung und Verbreitung der Forderung vbe-
ſchränfen, eine Stunde den Kriegsopfern, der Fort=
entwidlung deutſcher Kultur, der Hebung deutſcgen
Wohlſtandes zu weihen.
Die organiſatoriſche Durchführung iſt mit Nückſicht
auf die drohende Zerſplitterung und die damit wach=
ſende Verwaltungsarbeit zweifellos außerordentlich
groß und ſchwierig. Findet der Gedanke aber überhaupt
ſeeliſchen Widerhall, ſo wird es auch möglich ſein, di2
einzelnen Kreiſe gruppenweiſe zuſammenzufaſſen, 19-
daß der einzelne Spender nur eine Auswahl unter
vielleicht 30 Vorſchlägen zu treffen hätte, die für dieL
einzelnen Städte, Kreiſe, Provinzen uſw. aufzuſtellen
wären.**) Die Unterverteilung müßte -- 3. T. ſchon
vorhandenen und nur zweckentſprechend auszubauen-=
den -- Zentralſtellen überlaſſen bleiben.
Auf Einzelheiten, wie die Schaffung von Aus=-
-gleichöSfonds für Ausgaben, die allen Richtungen und
Beſtrebungen gemeinſam am Herzen liegen -- oder für
Notſtandsgebiete, die aus eigener Kraft nur geringe
Erträge aufbringen können, =-- die Auffindung eines
Verteilungsſ<lüſſel8 uſw, -- braucht heute noc< nicht
eingegangen Werden.
Die Belegſchaft einer Fabrik, die Mitglieder eines
Berufsverbandes, die Bewohner einer Stadi mögen
nur beginnen und Erfahrungen ſammeln. Und erjt
wenn ſich auf dieſe Weiſe eine ſeeliſche Bereitſchaft
als tatſächlich vorhanden erweiſt, dann wird es aller-
dings nötig werden, aber auch möglich ſein, organi-
ſatoriſche Gebilde und Ausſchüſſe zur Weitertragung
und Vertiefung dieſer Idee eine38 Volkfs-Ehrendants
zu errichten.
Eine volkstümliche Sitte kann nicht „organiſiert“
vor allem nicht in einem luftleeren Raum von oben -
herab fonſtruiert werden, ſie muß organiſch von unten
herauf in die Höhe und Breite wachſen. Die Grund-
idee kann vielleicht vone einer Einzelperſon er. dacht
und in einem kleinen Kreife dur<dacht werden, muß
jedoch von der Volksgemeinſchaft erfühlt und beſeelt
werden, um aucc< eine Verwirklichung zu erfahren.
Und ſo können auch dieſe Ausführungen nichts ande-
res und nichts mehr ſein, als eine -- ſicherlich verän-
derungs8fähige und verbeſſerungsbedürftige -- An-
LEgUNg, |
X) Er müßte zwei Beſtimmungen treffen könnon:
einmal die weltanſc<auliche, berufliche, politiſche Grumdbr-
ſtimmung (alſo 3. B. CaritaSverband. freie Gewerkſchaft
uſw.) und dann die engere Fach- und Sac<hbegrenzung vor-
nehmen (Krieg3beſchädigtenfürſorge, WVolksSbildung, Straf-
entlaſſenenfürſorge uſw.).
Die vierfache Ehrfurcht
Ein zeitgemäßes Kapitel aus Goethes Weltauſchauung
Von Geh.-Rat Dr. P. Lorent, Spandau. /-
Zu den Zeichen unſerer Zeit gehört das immer
- Weiter zunehmende Sinken der Achtung vor jeder Art
von Ueberordnung, im Staat, in der Kir<e, in der Ge-
ſellſchaft, in Familie und Schule, auf dem Gebiet der
Religion, der Sitte, der Literatur und der Kunſt; über-