Full text: Ethische Kultur - 44.1936 (44)

ken und die „Grundlinien einer Welt- und Lebensanschauung im Geiste 
Goethes und Spinozas“. Wie man Sieht, bewegte Sich die ganze Gedan- 
kenarbeit Kronenbergs immer auf jener Linie, die zur Blütezeit unsere2s 
deutschen Geisteslebens im klasSiSchen Idealigmus mit Seinem Humanitäts- 
gedanken gipfelte und die kurz vor dem Weltkriege zu einem neuen Auf- 
Stieg deutlich Sichtbar ansetzte. Der Weltkrieg hat diese Entwicklung wie 
SO viele andere jäh unterbrochen. Seine blutigen Nachspiele erschüttern 
eben heute wieder die Welt, die Sich bis jetzt weder aus Seinen wirtschaft- 
lichen noch aus Seinen moraliSchen Verwirrungen hat löSgen können. Lang- 
Sam versuchen wir aber doch in Deutschland, die zerrisSenen Fäden zu 
'unsgerer großen geistigen Vergangenheit hin wieder anzuknüpfen. Fben 
dabei wird uns ein Werk wie Kronenbergs „Geschichte des deutschen Idea- 
iiSmus“ gute Dienste leisten. Denn, wie der VerfasSer Selbst Sagt, nicht 
bloß um eine geschichtliche Darstellung vergangener Dinge ist es ihm zu 
tun, Sondern um Probleme der unmittelbaren Gegenwart, weil der wer- 
dende Neuidealismus keine Blüte wird ansetzen und keine dauernd wert- 
vollen Früchte wird hervorbringen können, wenn er nicht an jene Periode 
wieder anknüpft, „in welcher der idealistiSche Geist Seit Beginn der Kul- 
turernitwicklung Sich am tiefsten und Schönsten offenbart hat; ohne lebeu- 
dige Aufnahme der überreichen Ideenfülle, die hier gegeben ist; ohne ern- 
Ste AuSeinandersetzung mit den tiefsten Kulturproblemen und MensSchheitsz- 
iragen, die hier gestellt Sind“. 
Kichtig erkennt Kronenberg, daß ungerer Gegenwart der Lugang zu 
jener idealistiSchen Periode allerdings Sehr erschwert ist, weil Sie mit jä- 
hem Abbruch endigte und von einer völlig entgegengesetzten. naturalisti- 
Schen Periode abgelöst wurde. Und nun liegt zwischen jenem früheren 
und dem heutigen Idealismus Schwer zugänglich „das gewaltige Gedanken- 
masSSiv des Hegelschen Systems, ohne dlesSen Durchforschung Sich jene 
reichs geistige Welt nicht wieder erschließen wird. Vergessen wir aber 
nicht, daß nur durch jene geistig 80 Spannungsvolle und reiche Periode 
Deutschland für Generationen zum Präzeptor mundi, zum Lehrer des 24an- 
zen Erdkreises wurde. Wir können diess kleine Würdigung Kronenbergs 
nicht besser Schließen als mit den Worten, mit denen Sein eigenes Vor- 
wort zu Seinem Hauptwerk endet: „Von aller Geisteskultur gilt, was 
Goethe einmal von der Wissenschafi Sagt: Sie iSt wie eine Fuge, in der 
die Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen -- und 
Sicher ist die Stimme Deutschlands niemals volltönender und reiner zur 
Geltung gekommen. hat Sich der Genius des deutschen Volkes nie Schöner 
und tieier offenbart, als eben in der Periode des deutschen Idealismus. 
Man braucht darum die Schatten nicht zu übersehen, die hier So weng 
jehlen wie irgendwo Sonst in der Wirklichkeit, vor allem das völlige Dar- 
niederliegen des politiSch-Sozialen Lebens. Damals konnte die Mahnung 
berechtigt erscheinen, die Gervinus, im Rückblick auf die Glanzzeit des 
deuischen Idealismus. einmal aussprach: die Deutschen, ein ruheSüchtiges 
Volk «des bloßen Denkens und Dichtens, müßten hinausgetrieben werden 
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