1895 erschien Sein Roman „Die Offenbarungen des Wachholderbau-
mes“, bezeichnenderweise mit Buchschmuck von Meister Fidus versSehen,
der ähnlich wie Bruno Wille einer freieren ReligioSität mit Seiner Kunst die
Bahn zu brechen bemüht war. Der Roman war eine Iat, denn er war et-
was eigenartig Wertvolles; er war eine neue Weltanschauung; er war eine
Verflechtung von Natur und Menschenschicksal, von Neimat und Seele, wie
Sie SO kühn und So überzeugend Schön noch keiner gewagt hatte. Hier lebt
die ganze Natur, hier leben Tier und Pflanze nicht nur neben dem MenSchen,
Sondern mit ihm; die wunderliche Silhouette des Wachholderstrauches legt
dem Dichter den Vergleich mit dem Einsgiedler nahe; der Baum kann ihm
zum Propheten werden. Die flüchtige Rehspur, aus der der erfahrene Jäger
Seine SchlüSSe auf das ganze Tier zu ziehen vermag, wird Symbol dafür,
daß die Spuren alles Wirkens, auch die des menschlichen, in der Welt nicht
verloren gehen; in der Welt das Wesentliche festhalten. Von den neuesten
Fortschritten der Naturwissenschait ist Eruno Wille beeindruckt. So kommt
er auf die geniale Konstruktion der Stella Chronika. Auch die Welt der
Gestirne wird mit derjenigen der Menschen in Verbindung gebracht. Licht-
Strahien, die wir aus einem QueckSilbersee entfernter Sonnen auffangen, 1as-
Sen uns längst vergangene irdiSche Freignisse mit eigenen Augen wieder-
Schauen. So kommt der Heid des Romans nach allerlei Vorahnungen und
Selbstvorwürfen zuletzt zur vollen Erkenntnis Seiner Schuld und büßt Sie,
indem er Sich bei der Rettung eines Menschenkindes aufopiert. Liebendes
Schauen der Natur, philoSophisches Denken, Bereitschaft zu büßendem Lei-
den und Schließlich Opferung in rettender Tat: das ist der Weg der Erlö-
Sung. Diese Liebestragödie aber ist von ihrem Hintergrunde, von dem Bilde
der märkischen Landschaft, aus dem Schwermütigen Eindruck ihrer Einsam-
keit und Stille, nicht zu löSen. Alte Göttersagen. und volkstümliche Märchen-
gestalten werden lebendig und bringen auch dem Leser das Landschaits-
erlebnis So nahe, daß er SeinerSeits die Sprache der Natur verstehen lernt,
Hier ist gleich ein Anfang mit jener Verbindung von PhiloSophie und Poesi2
gemacht, wie er großartiger nicht gedacht werden konnte.
Der große historiSche Roman „Die Abendburg“, der 1909 erstmalig
erschien, liegt literar-geschichtlich auf dem Wege von Schefiels „Eckehard“
zu Ina Seidels „Labyrinth“. Schon bei Bruno Wille werden nicht mehr
Meuschen der Gegenwart in historische Kostüme gesteckt und einige Jahr-
hunderte zurück datiert, Sondern Menschen und Sprache der alten Zeit Selbst
werden tatsächlich zu neuem Leben beschworen. Der Dichter Schreckt vor
keiner Grausamkeit und Abenteuerlichkeit jener wilden Zeit des 30jährigen
Krieges zurück. Wir erleben den Untergang Magdeburgs in visionhaft deut-
lich geschauten Bildern mit. Wüsgter Abergaube und rauhe Wafiengänge,
bei denen es auf Tod und Leben geht, erschüttern uns. Aber war nicht der
letzte Grund auch dieses Aberglaubens und auch jenes enidlosen Krieges das.
religiöge Fragen und Suchen! der Menschheit? Ist nicht das Zeitalter des
3Z0iährigen Krieges auch dazienige von Paul Gerhardt und Paul Fleming?
Von Andreas Gryphius und Angelus Silesius? . Von Jakob Böhme und Jo-
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