Der alte de la Mettrie, der Begründer des modernen Materialismus, wird
neu lebendig in der Person eines geScheiterten Theologen, der mit dem Ame-
rikanisSmus, mit der Automatisgierung des Menschenlebens die Zukunft der
Menschheit hofft bestimmen zu können -- bis auch in ihm die Seelischen
Erlebnisse, die Liebe, das Schuldbewußtsein, erSchütternd durch alle ra-
tionalen Konstruktionen durchbrechen und ihn in der Selbstaufopferung den
Frieden der ErlöSung finden laSSen.
Neben Seinen Dichtungen Schrieb Lessing Seine „theologiSchen
Streitschriiten“, Schrieb Schiller Seine „Briefe über aeSthetische Erziehung“.
Schrieb Goethe Seine naturphiloSophiSchen Schriften. So Stark drängte
das Gedankengut der poetischen Werke auch noch nach gesSonderter Klä-
rung. Aehnlich Spricht Bruno Wille über Seine PhiloSophie zu uns in dem
nachgelasSenen Werk „Der Ewige und Seine Masken“. „Jetzt bin ich fer-
tig“ Sagte er im Gefühl tiefster Befriedigung, als er es vollendet hatte. Es
war zugleich der Abschluß Seines Lebenswerkes.
Der Titel berührt uns Zunächst Sonderbar. Aber rasSch lesen wir
uns ein: die Erhabenheit der griechischen Tragödie bildet den Ausgangs-
punkt, PerSona iSt die Maske des Schauspielers, durch die hindurch die
Offenbarungen des Dichters tönen (PerSonare). Die PerSonen, überhaupt
alle EinzeijerScheinungen der Welt, Sind in diesem Sinne Masken Gottes.
„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“. Wir Menschen Sind die „Bürger
zweier Welten“. Dieser Ausdruck Kants kehrt öfters wieder und Sein Be-
griff „intelligibel“ wird ausdrücklich als genial anerkannt. Es wird Johan-
nes Keplers tieisginniger AusSpruch zitiert: „Der Mensch wäre nicht das
vornehmste GeSschöpif auf der Erde, wenn er nicht zu vornehm für Sie
wäre“. Worin aber liegt des Menschen Vornehmheit? Nietzsche Schwankt:
iSt der herrische Ich-Mensch das Ideal oder der gütige weise Zarathustra?"
Bruno Wille ist für die Güte gegen die Gewalt. Aus echtem Gemein-
Schaftsgeiste heraus Soll die Gerechtigkeit erwachsen. HumanisSierung.
wahre Reformation ist ewiger Beruf der MenSschheit.
Entwicklung, ja! Aber nicht mechanisSch-materielle. Denn nach al-
len Regeln der KausSalität Selbst kann aus Niederem rein mechanisch nicht
Höheres werden. Das Aöhere muß irgendwie vorher da Sein und bestimmen.
Von Aristoteles und Goethe nimmt Bruno Wille den Ausdruck Entelechie
wieder auf, mit dem auch ein moderner PhiloSoph und Biologe wie Hans
Dresch arbeitet. Wegen! der Welt ist nichts materielles, nicht toter Stoff.
Sondern geheimnisvolle Kraft. Blitzfeuer wird diese von Heraklit genannt.
Von Elektronen und von elektriSchen Kraftfeldern Spricht die moderne Na-
turwisSenschaft. Sie gibt nachträglich noch denen recht, die Sich dem Simp- -
len MaterialiSmus nicht gefangen geben.
Manchmal wird Kant von Bruno Wille kritiSiert. Mir Scheint aus
Mißverständnis. Auch bei Kant liegt das Schwergewicht auf der prakti-
Schen, nicht auf der reinen Vernunft. Man kommt zu ihm in keinen Ge-
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