Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 14.1909 (14)

290 A. Abhandlungen. 
 
Kinder erst über das Gegehene frei berichten und Schloß daran ein 
Verhör nach vorher genau bestimmten Fragen. Während nun beim 
Bericht die Zahl der falschen Antworten 6*/, betrug, stieg Sie beim 
Verhör auf 33%. (STERN, Beiträge zur Psychologie der Aussage. I. 
3. Heft. Leipzig 1904.) Dieser Unterschied ist an Sich Schon erklär- 
lich, da jede Frage, Sie mag noch 80 vorsichtig gestellt Sein, eine 
Suggestive Wirkung ausübt, namentlich auf Kinder. Die Vorstellungs- 
reihen wickeln Sich eben nicht in der natürlichen Weise ab, gie 
werden vielmehr durch die Fragen in bestimmte Bahnen geleitet, es 
werden durch den Inhalt der Fragen, oft unbewußt, assozilerte Vor- 
Stellungen ins Bewußtsein gerufen, die, obwohl zur Antwort nicht im 
geringsten Zusammenhange Stehend, doch das Übergewicht über die 
richtigen Vorstellungen erlangen. 
Die auffallendste Wirkung erzielte STERN, als er den Normal- 
fragen noch eine Anzahl Sogenannter Suggestiviragen anfügte, Fragen, 
die den Kindern »nicht nur eine bestimmte Vorstellung oder ein 
Vorstellungsgebiet, Sondern Schon eine bestimmte Stellungnahme hierzu 
nahelegen.« Es wurden dabei nur 59/,, bei RoDrWALDT gar nur 
47,309/5 richtig beantwortet (gegen 67,7%, bei den Normalfragen). 
LiPnayns (Die Wirkung der Suggestivfragen. Zeitschrift für Päd. 
Psychologie usw. VII Jahrg. 8. 89 ff.) machte Versguche mit dem 
bekannten, von STERN benutzten Bauernstubenbilde, indem er den 
Schulkindern 3 Gruppen von Fragen vorlegte. Wurde z. B. in 
Gruppe 1 die Frage gestellt: » Was macht das Kind in der Wiege?« 
So lautete die Frage in Gruppe Il: »Trinkt das Kind in der Wiege 
nicht gerade?<« und in Gruppe II: »Trinkt das Kind in der Wiege 
aus einer Milchflasche oder aus einem Glase?« Bei der Berechnung 
ergaben Sich in der Gruppe I auf 100 richtige (r) Antworten 0 Sugge- 
rierte (8); bei Gruppe II auf 100 r == 11 S-Antworten, bei Gruppe III 
auf 100 r = 37 8S-Antworten. 
In den meisten Fällen zeigte Sich hingichtlich des Alters eine 
größere Suggestibilität bei den Jüngeren als bei den älteren Kindern; 
hingichtlich des Geschlechtes wurden die verschiedensten, gich zum 
Teile widersprechenden Hrgebnisse erzielt. 
Koso6 (Wahrheit und Unwahrheit bei Schulkindern. Deutsche 
Schule. Leipzig. 11. Jahrg. 8. 65 ff.) Stellte mit 40 91/,jährigen 
Knaben Verguche an, wobei es Sich durchaus um die einfachsten 
Sinneswahrnehmungen handelte, die ausschließlich unter dem Gegichts- 
punkte der Suggestion geprüft wurden. Die 600 BEinzelverguche er- 
Streckten Sich auf alle 5 Sinne. Bei der Prüfung des Gegichts- 
Sinnes ergab Sich in 55%, aller Fälle eine Suggestive Beeinflusgung; 

	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.