Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

96 Heilpädagogische Bestrebungen. 
2. dem Jugendlichen die Notwendigkeit Sozialen Verhaltens, also der 
Beschränkung des eigenen Sichauslebens z. G. der Einordnung in die Ge- 
meinschaft klar machen. 
Man wird also z. B. zu Zeiten nach 1) den Jugendlichen Sich ruhig 
absondern und alleingein lasSen. ihn dann aber nach 2) doch wieder zur 
Überwindung Seiner Kingamkeitsgehnsucht und zur Gesgelligkeit anleiten. 
Kann man in der Familie auf geine Kigenart Rücksgicht nehmen und ibr 
einmal freien Lauf lassen, 80 bietet das Berufsleben Gelegenheit zur Stär- 
kung der Herrschaft des Willens über das triebhafte Handeln (Verbhinde- 
rung eines unnötigen Lehrstellenwechsels). 
Zweifellos gehört es nun zu den Aufgaben der Wohlfahrtspflege im 
weitesten Sinne, Eltern, Erzieher, Lehrberrn und Arbeitgeber über die Be- 
dingungen, unter denen die Entwicklung der Jugendlichen erfolgt, aut- 
zuklären und ihnen Wege zu ihrer Behandlung zu weisen. Als allgemeine 
Aufgabe ist dies durchaus anzuerkennen. Wie aber ist es im LKLinzelfall? 
H. Hetzer fordert, wie Schon erwähnt, grundsätzlich eine Schutzaufsicht 
über alle Jugendlichen in der betreffenden Zeit. Dagegen bestehen, ab- 
geSehen von technischen Schwierigkeiten (beschränkte Zahl geeigneter 
VYürsorgekräfte und Helfer) und dem Widerstand der Elternschaft, der Sich 
dagegen erheben würde, m. E. große Bedenken. Natürlichen und im all- 
gemeinen ohne allzu Schwierige Erscheinungen verlaufenden Entwicklungs- 
vorgängen wird eine Bedeutung Zzugemessen, die ihnen nicht zukommt. 
Hingewiesen Sei hier bezüglich der Mädchen auf die Ausführungen von 
Dr. Annemarie Bieber in der „Frau“*. Danach treten bei gesunden 
Mädchen in gesunden Verhältnisgen die ersten Erscheinungen der KkKörper- 
lichen Reifezeit meist ohne irgendwelche Vorboten auf und bebindern das 
Kind weder körperlich noch Seelisch. Die Schutzaufsicht würde die Auf- 
merkgamkeit des Jungen oder Mädchens unmittelbar oder mittelbar auf die 
eigene Körperliche und geistige Kntwickhaung in einem Maße lenken, das 
überſlüssig und leicht Schädlich ist. Die Beschäitigung mit Sich Selbst kommt 
in diesem Alter ohnedies. Sie muß, wie wir Sahen, eher beschränkt als ge- 
fördert werden. Ks Kann Sich Sonst gar zu leicht ein Kult der eigenen 
Person und ibrer Schwierigkeiten entwickeln, während, wenn dem Jugend- 
lichen die Bedeutung der Erscheinungen Seines Gefühls- und Willenslebens 
in dieser Zeit mehr unbewußt bleibt, er Selbst z. B. über geine Absonderungs- 
hestrebungen erstaunen und Sich öfter einen Ruck zu ihrer Überwindung 
geben wird. Dadurch stärkt er Seine Willenskraft, Statt Seinen Gefühlen 
immer nachzugeben. Damit Soll nicht gesagt Sein, daß eine gute Schutz- 
aufsicht nicht auch positiv wirken kann, aber 80 gut wird die Aufsicht gelten 
Sein. Darum mag die Wobhlfahrtspflege ruhig von normalen Verbhältnissgen 
ausgehen und darauf bauen, daß im allgemeinen die negative Phase auch 
ohne ihr Eingreifen ohne Schädigung überwunden wird. Sie 8071ge für 
Schaffung normaler Kntwicklungsbedingungen durch Wohnungs-, Arbeits-, 
GeSundheitsfürsorge, Sie räume neben der mehr den äußeren Menschen und 
Seine Umgebung betreffenden VYürsorge der Sorge für das geistige und 
SeelisSche Wohl des Kindes Schon in der Zeit vor dem Eingetzen der Vor- 
reifezeit und Entwicklungsjahre einen recht großen Raum ein, Sie achte auf 
eine gesunde Kntwicklung des kindlichen Gemütslebens und willensbildende 
und religiöse Erziehung! Dann werden Kinder in die zweite negative Phase 
 
 
= * Dr. med A. Bieber, „Die strafrechtliche Behandlung der Frau“. 
Die Frau, 34. Jahrgang, Heft 11.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.