Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Die Struktur der Verwahrlogung. 105 
führerinnen werden unter bestimmten Umweltsbedingungen ohne 
die geringste innere Änderung Musterkinder und Secheinheilige und 
empfinden nicht das geringste dabei, nach einer tiefen Zer- 
knirschung oder Verbrüderung mit dem Erzieher diabolische Straf- 
laten zu begehen. 
Die gemeinsame Grundlage dieser Charaktere ist die Derbheit 
der Innenempfindung, das Fehlen der Aufwühlbarkeit, durch welche 
das Denken, dem die intime Verankerung fehlt, lediglich zur Waffe 
der Triebwüngche wird. 
Streng genommen ist auch die Beschränktheit und die derb- 
neurotische Charakteranlage eine körperliche Eigenschaft, denn 8ie 
iSt untersuchungstechnisch durch Nachprüfung des Sinnesfeldes, 
der Reflexe und der pSychischen, elektrigch vasomotorischen Re- 
aktion unschwer als organisch bedingt nachweisbar. 
Unter den rein körperlichen Strukturgrundlagen gind die endo- 
krinen Entwicklungshemmungen, 80weit ich an meinem Material 
übersechen kann, die häufigsten. Das liegt vielleicht daran, daß im 
nordischen Menschenmaterial endokrine und vegetative Asthenie- 
formen ganz allgemein im Vordergrund der Neuropathie gtehen. 
Die Häufigkeit der endogenen und endokrinen Störungen in klima- 
üsch andergartigen Gegenden müßte also nachgeprüft werden. 
Beim endokrin entwicklungsgehemmten Kinde und Jugendlichen. 
entsteht die Verwahrlogungsbereitschaft wie beim derbneurotisgch 
beschränkten durch Fehlen der Aufwühlbarkeit. Die Erlebnis- 
fähigkeit und Aufwühlbarkeit, also Streng genommen die Affekt- 
betonung beim Erlebnis, die beim Empfindsamen schon im neutralen 
Kindegalter vorhanden ist, entsteht beim Derbgesgunden im all- 
gemeinen gegen Ende der Entwicklungsjahre und führt zur Er- 
lebensbereitschaft der Adoleszenzepoche. | 
Beim infantil bleibenden, intellektuell aber vollwertigen 
Jugendlichen verschiebt Sich, wenn Sie überhaupt zustande kommt, 
diese Umschaltung der derbneurotischen Erlebensunfähigkeit zur 
vollen Aufwühlbarkeit bis auf das Ende der zwanziger oder den 
Anfang der dreißiger Jahre. Das Fehlen der gesunden Erlebens- 
bereitschaft führt zu einer Art infantiler Ratlogigkeit gegenüber 
den eigenen Lebengzielen und damit gekundär zu gesteigerter Be- 
einflußbarkeit und HAaltlogigkeit. 
Solche endokrine Urgachen gind etwa halb go häufig wie in- 
tellektuelle. Endogene körperliche Urgachen gind dagegen viel 
Seltener. Wenn man annehmen kann, daß etwa die Hälfte aller
	        

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