Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Die Struktur der Verwahrlogung. 107 
vertierte Abnormisierung. Das gemeinschaftsSabwehrende, Sich 
herumtreibende Kind ist meist auf der Grundlage übergroßer Emp- 
findsamkeit in Zwiespältigkeit oder Konflikte mit der Umwelt 
geraten und flüchtet Sich vor den Körperlichen oder Seelischen 
Unbilden, die ihm von der Gemeinschaft drohen. Es ist des- 
balb nicht zerfahren und unkonzentriert, Sondern gegperrt, 
leidenschafilich und gcheu. Es hat nicht wie das verwahr- 
logende Kind ein derbes Sinnegfeld, Sondern ein überreiztes mit. 
deutlicher Ausprägung der H eadschen Zonen der Angst oder der 
Sexuellen Affektspannung. 
Ganz anders Vverbält Sich die Verwahrlogungsform des ein- 
fachen Freibheitsdranges. Auch hier Sind noch zahlreiche Unter- 
typen zu erkennen, Je nachdem der Erwerb und Genußhunger, die 
: Bewegungsunruhe oder ursprüngliche Not das Kind aus der ge- 
SchlosSenen Ordnung der Familie und der Schule entfernt haben. 
Besonders häufig zeigt der freiheitshungrige Herumtreiber eine ge- 
wiSSe Bewegungsunruhe, die Sich ähnlich wie bei der konstitutionell 
neurotischen und bei den Endformen des Veitstanzes in ticartiger 
Hemmungslogigkeit der Glieder äußert. | | 
Die neurotischen Grundlagen der Gewalttätigen unter den Ver- 
wahrlogenden Sind biologisch anscheinend relativ einheitlich. 30- 
weit ich mein Material übergehen kann, entsteht die Neigung zu 
Gewalttätigkeit fast Immer auf einer epileptoiden Konstitution, 
also auf einer Erregbarkeit der Pulsdruckamplitude oder auf einer 
Einengung des Denkens, wie 8ie den epileptischen Prozesgen eigen- 
tümlich ist. Die Pulsdruckamplitude wächst in den Entwicklungs- 
Jahren Schon normalerweise auf 60--90 mm Hg. (Meistdruck 110 
bis 140, Mindestdruck 50 mm Hg.). Solche Pulsdrucksteigerungen 
führen erfahrungsgemäß auch bei Klimakterischen zu Leiden- 
SchaftSausbrüchen Schwerster Art. Tritt zu der Affekterregbarkeit 
hinzu die Verbitterung des Sich ungerecht Eingesperrtfühlens oder 
die antisoziale Denkweise, die in jugendlichen Kreisen auch ohne 
Verwahrlogung fast phySiologisch ist, dann Sind leidenschaftliche 
Gewalthandlungen kaum vermeidbar. Ähnlich ist es mit den zere- 
bralen Defektprozessen, die bei der epileptoiden Begschränktheit 
zusStande kommen. Aber das erklärt doch noch lange nicht, warum 
unter Umständen ohne alle diese körperlichen Befunde ein ein- 
faches Begsitzbegehren eines Scheinbar leicht Verwahrlosten zu 
Mordverguchen oder zu Raubanfällen führt. Ich habe relativ häufig 
Jugendliche Mörder oder Räuber untergucht, die ursprünglich nichts 
wollten, als gich etwas Reisegeld oder Zehrgeld für den nächsten
	        

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