Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Über heilpädagogische Ausbildung. 121 
wenig getan würde. Um 80 merkwürdiger war, daß gerade aus 
diesgen Fachkreisen neben freudiger Zustimmung und Mitarbeits- 
bereitschaft auffällige Zurückhaltung und Gegnerschaft laut wurde, 
als wir daran gingen, einen Anfang zu Schaffen. Ein erstes Be- 
denken war, daß den jungen Lehrern Mittel und Zeit fehlten, ins- 
begondere aber die nötige Erfahrung, um ohne Schaden „moderne“ 
PSYchologische und pädagogische Probleme zu Studieren. Man be- 
gann geradezu begorgt zu werden, daß das neue Seminar die Jungen 
Erzieher vom stillen, nüchternen, harten Alltagsarbeiten abspenstig 
mache und in ihnen das Bedürfnis wecke, aus Jeder Schulstube ein 
eXPperimentalpsychologiSches Laboratorium und aus Jeder Anstalt 
eine Probierwerkstatt für alle möglichen modernen Lehren, Theorien 
und Phantome zu machen. Man befürchtete, daß die Sicher not- 
wendige religiöge Grundeinstellung und Haltung durch „Zuviel- 
wissen“, durch Intellektualismus angekränkelt und um ihre Wir- 
kung gebracht würde. Man befürchtete 802ar, daß gewerkschafts- 
politische, revolutionäre Gedanken gezüchtet, der Achtstundentag 
für den AnstaltSerzieher eingeführt werden möchte. Und man be- 
fürchtete noch 80 Vieles mehr! --- In all diesen Bedenken kommen 
wirkliche Gefahren zum Augsdruck, aber Sie alle Sind nur zu be- 
Seitigen dadurch, daß man anfing. Schon heute Sind ungere meisten 
früheren Kandidaten die beste Fürsprache für unger Seminar und 
der beste Gegenbeweis gegen jene kummervollen Befürchtungen. 
-- Andergeits durfte nicht vertuscht werden, nur um das Seminar 
tür den Anfang zu ermöglichen, daß Sein Zweck ist, „Neues“, wenn 
man will, Sogar „Modernes“ zu bringen, vor allem eine neue Kin- 
Stellung dem Schwererziehbaren Kinde gegenüber. Es gibt noch 
zu viele Anstalten, zum Teil in Sehr laut betonter christlicher Auf- 
machung, in welchen alle Eigenschaften und Verbhaltungsweisen des 
Zöglings als „Schlecht“, als absichtliche Bogshaftigkeiten gedeutet 
und dementsprechend „behandelt“, d. h. bestraft werden. Daß 
eine besSere PpSsychologische Erfassung der Pergönlichkeit des 
Schwererziehbaren Kindes zu einschneidenden Reorganisationen im 
Betrieb und in. der äußern und innern Linrichtung vieler Anstalten 
tühren muß und führen wird, das durfte aus taktischen Gründen 
den Praktikern nicht verschwiegen werden. --- Auch der Unterricht 
(und die Erziehung) geistesschwacher Kinder konnte, wie er bis 
heute zumeist erfolgt, nicht als ein End- und Höchstpunkt gelten 
gelasgen werden. Da nicht nur das Verstandesleben geschwächt, 
Sondern auch das Gefühl- und WillensSleben in Seiner Entwicklung 
zurückbleibt, genügt im Hinblick auf die meist bedenklichen Um-
	        

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