Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Steinmühle-Erinnerungen. 
Es darf nicht vorausgegetzt werden, daß jeder Leser weiß, was die 
„Steinmühle“ bedeutet; deshalb mögen einige einführende Erklärungen 
vorauggeschickt werden. Die Arbeitslehrkolonie und Beobachtungsanstalt 
Steinmühle bei Frankfurt a. Main war im Jahre 1907 eröffnet worden vor 
allen Dingen zu dem Zwecke, um Sschulentlassenen Hilfsschülern den Weg 
ins Leben zu ebnen. KBinergeits Sollten Sie durch Systematisches Anlehren in 
die praktische Arbeit eingeführt werden, und andererSeits Sollte auf Grund 
dieger Arbeitgeinführung bei jedem einzelnen Zögling durch. eingehende Be- 
obachtung festgestellt werden zunächst einmal, ob er überhaupt je Sozial 
brauchbar werde, und wenn Ja, in welchem Arbeitszweige er dieses Ziel am 
besten erreichen könne. Eine Anstalt mit Solchen Aufgaben entsprach 
damals (es wird auch heute noch 80 Sein) ganz den Bedürfnissen der Praxis. 
Aber es kam, wie es im Leben oft geht, anders als geplant war: die eigent- 
lichen Hilfsschüler bildeten bald den kleineren Teil der Zöglinge. Es traten 
Schr bald hinzu Fürgorgezöglinge mit auffallender psychischer Eigenart, 
Psychopathen und andere, ja in Späteren Jahren, 80 namentlich in den 
Schweren Kriegsjahren, Solche mit ausgesprochen Krimineller Veranlagung. 
Die Versorger waren zum überwiegenden Teile staatliche Behörden und nur 
zum kleineren Teile Private. 
; Es war daber die Aufgabe keine leichte für Prof. von Düring, als 
er im Herbst 1916 die Leitung der Anstalt übernahm. Aber gie lockte ihn 
aus verschiedenen Gründen, von denen ich wohl einen der entscheidendsten 
hervorheben darf, weil er ais Leitgedanke durch die ganze Düringsche 
Literatur hindurchgeht: Er wußte, daß er hier helfen konnte, gerade weil er 
Arzt war. Als Arzt hatte er ein Menschenleben bindurch die große Not der 
Mensecben und namentlich der Jugend auf gich einstürmen gehen. Er hatte 
viel geholfen und wurde viel enttäuscht; aber er hatte Stand gehalten und 
war dennoch jung geblieben. Beim Suchen nach den Urgachen der mannig- 
fachen Nöte wurde er immer wieder auf die Erziehung gestoßen. Wohl ahnte 
er, wie er erziehen würde, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten würde. 
Und nun wurde gie ihm geboten. Da war Jugend in Not, in Schweren 
Secligchen Krigen! Da war ein Arzt nötig mit viel Wisgen und mit viel 
Liebe. Das ist Dürings Erziehungsgrundlage, 80 wie ich Sie verstanden 
habe und zeitlebens mit mir tragen werde. | 
Warum ich diege Einführung vorausschicke? Weil zie für den Leser 
die Unterlage Schaffen Soll, daß er dann besser verstehen Kann, was mir und 
uns Erziehern allen die Steinmüble war. Denn vom Tage des Eintritts 
von Dürings an war uns klar, was dieser Mann bedeutete. Dabei war 
es für ihn eine Erleichterung, daß er den Geist, den er als Grundlage der 
ganzen Erziehung in der Anstalt erstrebte, bereits vorfand, einen Geist des
	        

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