Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

126 R. Loeliger: 
Vertrauens, der von Seinem Vorgänger, Dr. Hanselmann, in langen 
Jahren Sorgfältigen Aufbaus gepflanzt worden war. / 
Damit habe ich 80 knapp als möglich das Milieu zu zeichnen vergucht, 
in welchem Düring während mehr als 6 Jahren wirkte, und wo mir nahezu. 
3 Jahre mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen vergönnt war. Ich möchte nun- 
mehr wahllos einiges aus meiner Erinnerung herausgreifen, das zeigen Soll, 
daß anch unter recht Schwierigen Verhältnissen befriedigende KErziehnngs- 
erfolge erreicht werden können. Unter schwierigen Verhältnissen Sind zu 
verstehen nicht nur die bekannten Erscheinungen von Anlage und Milieu, 
Sondern es traten hinzu die durch die damaligen Schweren Zeiten ganz be- 
Sonders jeden Krfolg hemmenden äußeren KinflüSse der Kriegs- und Nach- 
Kriegszeit. 
Eine besondere Freude bereitete es Prof. von Düring jedesmal, wenn er 
als Experte vor dem Jugendgericht einen Seiner Jungens herausreißen Konnte, 
das heißt, ihm die Strafe und damit das Odium des Vorbestraft-Seins er- 
Sparen Konnte, indem er nachwies, daß der Junge im Moment der Tat die 
zur Erkenntnis der Strafbarkeit der Tat nötige Kinsicht unbedingt nicht 
gehabt habe. In Frankfurt a. Main fand er beim dortigen Jugendrichter 
immer das nötige Verständnis. doch wie oft geschah es, daß er enttäuscht 
von irgend einem andern Orte zurückkehrte, weil er nichts erreicht hatte, 
da die einfachste Kenntnis der Jugendpsyche den Richtern fehlte! Solche 
Krlebnisse haben ihn immer stark deprimiert. Und das 8spürte die ganze 
„Anstalt. Daraus wußte Sie und gah gie, und es wußten und gahen es eben 
auch die Jungens, wie stark innerlich er mit ihnen verbunden war. Solch 
Starkes inneres Mit-Empfinden und Mit-Krleben bildete die Grundlage für 
Achtung und Liebe, die er überall genoß, und es fie] uns Erziehern leicht, 
wenn etwa einmal Unzufriedenheit aufkommen wollte, auf Solche Erlebnisse 
hinzuweisen. 
Zu diesen vor Gericht von ihm Verteidigten gehörte zum Beispiel der 
18 jährige Otto D. aus D.., der mir insbesondere deswegen in Krinnerung ge- 
blieben ist, weil er am Weihnachtgabend 1917 in die Angstalt, eingeliefert 
wurde, ohne vorhergehende Anzeige. Aus den Akten wußte man nur, daß 
die Verhältnise in der Familie D. ungünstige waren, daß der Junge an 
Schweren Diebstählen beteiligt war, und daß er in der Polizeizelle einen 
"Pobsuchtsanfall gebabt habe. Heute noch Steht mir das Bild lebbaft vor 
Augen. wie der kräftige Junge Mensch zwischen zwei Detektiven, mit jeder 
Hand je an einen derselben gefesselt, vor der Türe stand, mit ziemlich 
friSchen Rissgen und Striemen im ganzen Gesicht, und wie er mit verbisgenem 
und Scheuem Ausdruck die neue Umgebung mugterte. Was war zu tun? 
Drinnen im großen SpeiSesaal war die ganze Anstalt, auch die Zöglinge der 
geschlossenen Abteilung, versammelt; das Weihnachtsspiel sollte beginnen. 
Wir hatten ja allerdings geschlossene Zellen, wo 80 gefährlich aussehende 
Burschen untergebracht werden konnten, ohne Schaden zu stiften. Düring 
entschied anders: „Nehmt ihm mal zuerst die Handschellen ab, gebt ihm 
ordentlich zu essen, und dann g8o0ll er Weihnachten mit uns feiern! Nicht 
wahr, du wirst uns ja nicht gleich weglaufen?“ Und 80 geschah es. Ich 
kenne aber ein Kommissionsmitglied, das während der ganzen Yeier zitterte, 
in der Befürchtung, es könnte 80 viel Vertrauen Schlimme Yolgen zeitigen. 
Düring jedoch hatte richtig gesehen. .Der Junge war gewonnen! Aber es 
dauerte doch eine Jängere Zeit, bis das Vertrauen nicht nur in den Leiter, 
Sondern auch in die übrige Welt Jangsam wiederkehrte. Otto taute all- 
mählich auf. kam relativ bald in eine Gärtnerlehre, wu ihm starke Ver-
	        

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