Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

128 - R. Loeliger: 
Schelle.“ Er verlangte den Kingatz der ganzen Persönlichkeit, 80 wie auch 
er den Kindern Sein Ganzes gab. Daß gerade das Problem der Erzieher und 
Handwerker auch in der Steinmühle kein leichtes war, wird Jeder verstehen, 
der die Not der Jahre 1916 bis 1918 mitgemacht hat. Man war gezwungen, 
Leute anzustellen, die zum Erziehen absolut untauglich waren. Ja, es ging 
S0 weit, daß Sich einmal ein Mitarbeiter mit zwei recht Schwierigen Jungens 
verband zum Systematischen Ausplündern der Ansgtalt. Solche Erlebnisse 
bedrückten Prof. von Düring stark, nicht nur weil er persönlich darunter 
litt, Sondern auch weil ihm klar war, daß der ganze Geist der Angtalt eine 
recht empfindliche Pflanze vorstellt, die Sehr rasgch auf die täglichen Schwan- 
kungen der Witterung reagiert. Es gelang ihm aber relativ bald, durch Zu- 
ziehung lebendiger Kräfte aus der Jugendbewegung ein Übergewicht er- 
zieherisch wertvoller Persönlichkeiten zu Schaffen. Nur entstand aus diesem 
Überwiegen von vorwärts Stürmenden jungen Leuten die andere Gefahr, daß 
diesen oft mehr als ideal veranlagten radikalen Elementen alles bisher Er- 
reichte noch viel zu wenig war, 80 daß es der ganzen Kraft und Überlegen- 
heit des Leiters bedurfte, um in der Erziehung den richtigen Kurs zu halten. 
Oft habe ich in der Steinmühle in Solchen Sturmzeiten den treffenden Aus- 
Spruch eines Kommissionsmitgliedes gehört: „Ja, wer Ruhe Sucht, muß nicht 
in die Steinmühle kommen!“ -- 
ür die Yortbildung der Erzieher richtete Prof. von Düring wöchent- 
liche Besprechungsstunden ein, in denen er an Hand der EKXrlebnisse mit 
einzelnen Jungens das Verständnis für deren Kigenheiten zu wecken Suchte, 
und auch die Punkte nannte, die der besonderen Beobachtung bedurften. 
Es mag gar manchem Pädagogen vorkommen, als ob er ganz gut ohne den 
Mediziner auch bei recht verwickelten Charakteren den einzuschlagenden 
Weg finden könnte, und auch bei uns Erziehern regte Sich manchmal ein 
Solcher Gedanke; aber es genügte dann ein einziges Vorkommnis, um uns 
wieder anscbaulich vor Augen zu führen, wie dankbar wir gein durften, daß 
eim Arzt die letzte Verantwortung trug. Nur ein paar Beispiele möchte ich 
erwähnen, um das zu beleuchten. 
Kin 18 jähriger hochgewacbsener Junge, Fritz K., wurde der Anstalt 
zur Beobachtung übergeben, da verschiedene Unregelmäßigkeiten, Diebstähle- 
und Unterschlagungen, vorlagen. Weil dann und wann eigenartige Anfälle 
bei ihm beobachtet worden waren, waren Sich die Versorger nicht klar über 
den Grad der Zurechnungsfähigkeit bei dem Jungen. Kr stammte aus gutem 
Hause und hatte anständige Manieren. Rasch hatte er Sich bei uns ein ge- 
wiSsSes Zutrauen erworben, und bald zeigte Sich auch der erste regelrechte 
epileptische Anfall. Doch einer der Krzieher blieb kritisch und holte beim 
nächsten Anfall Prof. von Düring, der die bekannten Proben, aucb: 
Nadelstiche, vornahm und zu dem Sicheren Ergebnis gelangte, daß es gich 
um einen epileptischen Anfall handelte, wobei aber trotzdem die Möglichkeit 
der Simulation nicht ganz ausgeschlossen war. Kurz darauf gtellten gich 
Schwere, raffinierte Betrugsversuche des Jungen heraus, und in der darauf- 
folgenden Aussprache mit Prof, von Düring bekannte der Junge, daß- 
er die Anfälle nur Simuliere, um Sich jeweilen Straflosigkeit zu Sichern. Ich 
darf bekennen, daß ich mich von da an auf recht ungicherem Boden befand, 
und andern erging es ähnlich, weil wirklich von diesem Momente an die 
Anfälle aufhörten. Sollten wir ihn als krank oder ratfiniert behandeln? In 
der Stelle, in die wir ihn nach etwa 4 Monaten versuchsweise plazierten, 
ging es gar nicht, trotz Ständiger Überwachung. Er betrog die Ladeninhaber 
im Kürzester Frist um große Beträge.
	        

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