Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Steinmühle-Ermnerungen, 129 
Ein anderer Junge, Albert D., hatte ganz eigentümliche Anfälle, die* 
ihn mit großer Häufigkeit packten, manchmal ohne daß die Umwelt davon 
etwas bemerkte. Er gah plötzlich geradeaus vor Sich hin, bekam einen Steifen. 
Ausdruck, es flimmerte ein wenig an den Augen, und nach vielleicht einer 
halben bis ganzen Minute kebrte das Leben zurück und Setzte da fort, wo es 
vorber aufgehört hatte. Das Auffallendste aber war, daß er die Anfälle auf. 
Wunsgch demonstrierte. So stellten ihn mir zwei Seiner Kameraden vor mit 
den Worten: „Sehen Sie, das ist der D., der bat immer 80 Anfälle. : Wenn. 
Sie einen gehen wollen, 80 wirds wohl bald 80 weit ein!“ Und richtig, der 
Anfall stellte Sich auch vor mir alsobald ein. Prof. von Düring ließ den. 
Jungen spüren, daß er ihn durchaus ernst nehme; allerdings konnte er ihm 
einen erhofften Urlaub nur dann zugagen, wenn Sich die Krankbeit bessere 
und kein Anfall mehr eintrete. Daraufhin wurden gie seltener, aber Sie Vver- 
Schwanden nicht. Wiederum ergibt Sich die Frage: Was ist nun die 
Wahrheit? -- 
Noch einen ganz auffälligen Jungen, Georg K., muß ich erwähnen, aus: 
Schr geordneten Verhältnissen, der Sich unser aller Zuneigung rasch und 
dauernd erwarb. Er hatte unter auffälligen Begleitumständen einen Dieb-- 
Stahl begangen, war durchgebrannt und tagelang herumvagabundiert. Bei 
uns zeigte Sich nichts Auffälliges, keine Abwesenheiten; er war auch voll-- 
kommen ehrlich und gSehnte Sich darnach, in eine Stellung zu kommen. Wir 
wagten nach etwa einem Jahr Beobachtungsfrist, ihn zu einem Gärtner In 
Stellung zu geben. Schon nach einer Woche war er dort entwichen unter 
Mitnahme eines größeren Geldbetrages, und nach 4 oder 5 Tagen planlosen. 
Herumreigens wurde er aufgegriffen und uns in Sehr verwahrlostem Zustand 
wieder zugeführt. Bei uns war er wieder wie vorher, und nach einem 
weiteren halben Jahre machten wir den zweiten Versuch, mit weit mehr 
Vorgicht als zum ersten Male, aber mit genau demselben Erfolg, nur daß. 
er etwa 3 Wochen in der Stelle blieb. Wir Standen vor einem Rätsel, das- 
Sich mir auch Später nicht aufklärte, nachdem noch ein dritter Verguch. 
Scheiterte. 
Ich habe diese drei Beispiele nur aus dem Grunde genannt, um den 
Erzieher zu einer gewissen Bescheidenbeit zu bringen; denn ich habe S0» 
vielfach erleben müsgen, wie gerade bei guten und wertvollen Erziehern fast 
regelmäßig die Überzeugung besteht: „Ja, der und der Junge ist balt falsch 
angepackt worden, ich kann das besser!“ Und demgegenüber Sollte eine 
Vorgicht Platz greifen, gewissermaßen eine Ehrfurcht vor dem 80 ott Un-. 
verstandenen einer jugendlichen Seele. 
Das waren Gedanken, die Prof. von Düring uns oft nahelegte. Er 
wollte uns 80 weit bringen, daß wir die zum überwiegenden Teil psycbo- 
pathisch veranlagten Zöglinge wohl genau wie normale behandeln Sollten, 
daß wir uns aber doch stetig bewußt bleiben Sollten, daß wir es mit kranken: 
Kindern zu tun hätten. Einer unserer besten Erzieher -- er ist leider ganz. 
plötzlich an einer Blutvergiftung gestorben -- der alles mögliche gewesen. 
war: Hausbursche, Fabrikarbeiter, Detektiv usw., und zuletzt Portefeuiller- 
-- die Jungens bingen mit unglaublicher Verehrung an ihm --, pflegte in 
Seiner abgehackten Art zu Sagen: „Ich versteh' Schon, wir müsgen „tutz19“ 
werden!“ Damit bat er trefflich gesagt, was wir alle Sollten, stutzig Wwerden- 
über gewisse Eigentümlichkeiten bei den Kindern, stutzig werden darüber, 
ob wir wohl die rechten Methoden angewendet haben, Stutzig werden und 
nicht. gelbstsicher. Dabei muß ich noch ein Wort 8agen darüber, wie: 
Prof. von Düring Seine Mitarbeiter auswählte. Es war wirklich auf--
	        

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