Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

134 R. Michaölis: 
des Gewissens und des Ideals“, die bis in die letzte Zeit immer 
wiederkehrt. Alexander hat Sie noch 1927 in Seinem Buche 
über die „Psychoanalyse der Gesamtpergönlichkeit“ unermüdlich 
zu beweisen verguücht. Zwar wird auch hier wie bei Freud selbst 
zugestanden, daß die Entdeckung des „Ichs, des Kerns der Per- 
Sönlichkeit, zuletzt erfolgte“, daß 8ie „Schwerer war als die der 
Triebe“ und daß mit ihr „eine neue Periode pSYchoanalytischen 
Wissgens beginne“. Aber allzusehr bleibt noch alles beim alten, 
werden Ideal und Gewissgen als „AnpasSungsprodukt“, als „domesti- 
zierter, Sozial gewordener Teil des Ichs“ aufgestellt. 80 fehlt dem 
Ideal jede verbindliche, innerlich gestaltende Krait: Das „Es hat 
keinen einheitlichen Willen zustande gebracht“, -- „wir werden 
gelebt von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten“. vSadistische 
und masochistische Regungen, ÖÜdipus- und Kagtrationskomplex 
bleiben im Mittelpunkt der Betrachtung. Und kongequent wird im 
Ablauf der Beziehung von Arzt und Patient in der (80g.) „Über- 
tragung“ eine „Sadomasochistische“ Phase aufgestellt. 
Daß eine 80 „gewaltsame“ Behandlung der Phänomene über- 
haupt möglich ist, ist, wie ich in meinem Buche darzulegen Ver- 
Süchte, zweifellos Selbst von größtem, psychologischem Aufschluß. 
Man muß die ganze Tragik der Spannung und Antithese, an der 
ein NietzsChe zerbrach, erfassen können, um auch die bei aller 
Verschiedenheit der Artung doch verwandten ErsScheinungen zu 
würdigen, die Sich in dem von der Gestalt ihres „vSchöpfers“ über- 
ragten Kreise der Psychoanalyse abspielen. Die Aufdeckung der 
allzumenschlichen „Scheinwerte“, von denen das Leben der Ge- 
Sellschaft erfüllt ist, des „Jahrmarkts der Eitelkeit“, gehört zu den 
Errungenschaften, zu denen in neuerer Zeit nach Nietzs8che 
Freud babnibrechend hingeführt bat. Diese Bingicht in die Rolle, 
die an Stelle wahrer ethischer Entscheidung eine nur konventionelle 
„olttlichkeit der Sitte“ Spielt, wird auch von Kritikern der PSYcho- 
analyse wie Ernst von Düring durchaus bejaht: „Die Er- 
kenntnis, daß das bürgerliche Angehen, der Ruf, die gegicherte 
SXiStenz bedingt Sind durch das Anpassen an und die Einfügung 
in die Vorschriften der Gesellschaft, bedingt für viele Menschen ihr 
Sittliches Verhalten.“ Aber das Wissen um die Notwendigkeit der 
Scheidung von „ethischer“ und „rechtlicher“ Handlung, von 
„Moralität“ und „Legalität“, das Wisgen um die Bedingtheit und 
Unzulänglichkeit vieles menschlichen Tuns gibt kein Recht zur 
Leugnung des echten Bthos und Seiner innerlich gegründeten 
Forderung. Die „allzumensgpchliche“ Erkenntnis der „Unvollkommen-
	        

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