Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Vom „Verbrecher aus Schuldbewußtseim“. 135 
heiten“ bildet immer wieder die Grundlage aller großen philo- 
SOPhischen und religiögen Lehren. Aber nicht wird desbalb wie bei 
Freud „der Trieb zur Vervollkommnung“ am Menschen geleugnet, 
Sondern dieger verborgene und doch zentrale Antrieb „Sich zu ver- 
vollkommnen“ wird als das wahre Wegen immer neu entdeckt: 
„Denn ob auch klein an Umfang, ist es doch an Kraft und Wert 
das bei weitem über alles Hervorragende. Ja, man darf Sagen: 
dieses „Göttliche“ in uns ist unger wahres Selbst“ (Aristoteles)." 
2. 
Erst von einer Solchen Gegamtbetrachtung aus 1äßt Sich im - 
vollem Umfang ermessen, welche Bedeutung dem Problem zukommt, 
das unter Hinweis auf Nietzsches Wort vom „bleichen Ver- 
brecher“ von Freud als das des „Verbrechers aus Schuld- 
bewußtsein“ umrisgen wurde, ohne daß er allerdings die 
Motive Selbst wirklich klären konnte. Die Feststellung, daß „eine 
Steigerung des unbewußten Schuldgefühls den Menschen zum Ver- 
brecher machen“ Kann, daß mithin das Schuldgefühl die Ent- 
oleigung und Verfehlung nach Sich ziehen, ihr voran gehen kann, 
iSt wiederum auch durch Ernst von Düring aus dem „ELr- 
lebnis“ an Seinen Zöglingen in der Steinmühle 8pontan erhärtet 
worden: In den brutalen, gesellschaftswidrigen Äußerungen ge- 
wisSer Jugendlicher „findet der Trotz gegenüber der Erkenntnis 
des eigenen Unwerts Seinen Ausdruck“. 
Mir gSelbst brachten Fälle Solcher Art Jahre vor der geistigen 
und mensgchlichen Beziehung, die Sich aus der Gemeingamkeit der 
Anschauungen mit KE. v. Düring für mich in der Folge ergab, 
den unmittelbaren Beweis dafür, daß es nicht nur, wie die PSsycho- 
analyse lehrt, „eine Verdrängung des Triebhaiten gebe, 
Sondern grade auch eine des Innern, Strebenden am Ich, 
d.h. des 1deals“.* Das Iist von grundsätzlicher Bedeutung 80wohl 
gegenüber der Trieblehre Freuds wie für die Praxis der Heil- 
erziehung und der Erziehung überhaupt. 
Ich will verguchen aus einer Reihe von Beobachtungen, die Iich 
besonders in den Jahren 1920 und 1921 in der Privatpraxis machen 
konnte, eine herauszuheben, um gewisse Grundzüge zu verdeut- 
lichen. Eine vollständige Darstellung ist leider in diesem Rahmen 
2 Erst nach Abschluß des Mannugskripts erschien Freuds antireligiöSe Schrift 
„Die Zukunft einer Illugion“, die einen weiteren und direkten Beweis für die 
Richtigkeit der von mir vertretenen Ansgehauungen liefert. 
? 8. m. Mensgchheitsproblematik der Freudschen PsSychoanalyse 8. 60.
	        

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