Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

136 VB. Michaclis: 
nicht möglich. In allen von mir beobachteten Fällen waren die 
„Priebe“ früh, allzufrüh „ausgelebt“ und „befriedigt“ worden, zum 
großen Teil infolge Verführung und Vernachlässigung der Epr- 
ziehung. Die „Verdrängung“ betraf nachweislich nicht das Trieb- 
hafte, Animalische, Sondern grade die Strebungen, die vom Ich aus- 
gehen, die geheime Sehnsucht nach dem Ideal. Diese höheren 
Imperative waren erschüttert und bDbuchstäblich „verdrängt“, 
krampfhaft übertäubt, zu vergessen vergucht. Der Satz Freuds, 
daß „alle die edler Sein wollen, als es ihre Konstitution gegtattet, 
der Neurose verfallen; Sie hätten Sich wohler befunden, wenn es 
Ihnen möglich gewesen wäre, Schlechter zu Sein“, fand hier geine 
wörtliche Umkehrung. Dabei Jag in einem Teil der Fälle in gegen- 
über der „Lehre“ Freuds geradezu 8piegelbildlicher Weise auch 
bei der Seelischen Erschließung der Bereich „der Triebe“ und der 
„negativen, bögen, kriminellen Regungen“ von vornberein offen 
zutage, während das verborgene Pogitive, die hökeren Strebungen, 
das Ethos nur mühsSam und gegen „„Widerstand“ frei zu machen und 
zu eröffnen waren. Auch das ist von E. v. Düring bestätigt: erst 
mit dem keimenden Vertrauen weicht oft die verstockte Haltung, 
in der der Jugendliche Sich krampfhaft verschließt, um Sich als 
„Lump“ zu beweisen. Der Religionsphilosoph Kierkegaard hat 
diese „dämonische Verschlossenbeit“ als „Angst vor dem Guten“ 
metaphysisch zu begründen versucht. Das Phänomen Selbst ist 
Ppsychologisch von größter Bedeutung. Deshalb gehört es zur Kunst - 
des Erziehers wie des Seelenarztes, daß der Leidende zich auf- 
Schließen kann. „Als Erzieher müssen wir gelernt haben, zu 
verstehen, zu warten, zu Schweigen“ (KE. v. Düring). 
In dem hier zu beschreibenden Falle war, vielleicht auf Grund meiner 
vorangehenden Erfahrungen, der „Kontakt“ unmittelbar hergestellt. Der 
Vater berichtete. daß der Jjelzt 20 jährige Sohn mehrfach „umgekippt“ Sei. In 
der Schule und vorher war er wohl wild und phantastisch, aber gutmütig. 
Während der Pubertätsjahre war der Vater im Kriege. Damals mügsse der 
Sohn- wohl „verbummelt“ gein. Er habe dann als Landwirt gearbeitet, z. T. 
Sehr eifrig. einmal eim ganzes Jahr, mit guten ZeugnisSen. Aber dann er- 
folgten Zustöße., meist bei Widerspruch, und er gehe durch, mache Schulden, 
vergetze alles, habe zuletzt während eimes Urlaubs Geld aus der Kasse des 
Yaters entwendet, einen Rest allerdings unberührt gelassen und dazu einen 
Brief geschrieben: „Ihr habt mich gezwungen ein Schlechter Kerl zu werden! 
Zeigt mich an oder macht 80nst was mit mir, ich kann es nicht mehr ändern, 
es geht abwärts immer weiter ... Es ist alles verloren. Das Geld nahm ich, 
um Jeben zu können. Dann bin ich beim Militär.“ Es war dann dem Vater 
gelungen. den Sohn wieder aufzufinden. Er hatte Seinen Pelzmantel vergetzt 
und wollte nicht mitgehen: .,er verdiene es nicht“! „Aus ihm werde doch 
nichts.“ -- Die Mutter hatte Sich Schon vorher zurückgezogen und wollte
	        

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