Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Vom „Verbrecher aus Schuldbewußtsein“. 137 
nichts mehr von dem Sohne wissen; -- ein Onkel hatte geäußert: „man Solle 
ihn doch laufen JlassSen, bis er einmal ins Gefängnis kommt“. Andeutungs- 
: weise erfuhr ich, was zich Später verhängnisvoll entgegenstellte: die Zer- 
rüttung der häuslichen Verbältnisse, die Ungunst des Milieus, die auch nach 
V. Düri 102 80 olt die Grundlagen der Erziehungsschwierigkeiten werden. 
Die Ehe der Kliern war diSharmonisch. Es kam gerade während der Behand- 
lung noch zu offenen Krigen, die dann, was das Gefährlichste war, wieder 
verdeckt werden Soliten. Man wollte ein Familienleben aufrechterhalten. 
das brüchig war und verlangte Autorität und „Vertrauen“ oder „Respekt“, 
obwohl der durch Seine Entwicklung hierfür doppelt empfindliche Sohn die 
Verhältnisse durchschauen mußte. Es genügt ein Hinweis auf die moderne 
Literatur über das Kheproblem, * um diese Zustände in ihrer allgemeinen 
Verflochtenbheit in der Krisis der Zeit zu kennzeichnen. Die große Gefahr lag 
darin, daß es mir damals nicht gelingen konnte, meinen Kinfluß auch auf die 
Eltern zu erstrecken und deren Verwirrungen zu lösen, und daß hieraus ein 
immer stärkerer Widerstand gegen meine Stellungnahme erwuchs, der zu 
einem Zeitpunkt zum Abbruch der Behandlung führte, wo der Junge Mensch 
noch dringend der Führung bedurfte. Meine Frage, ob: der Sohn „höhere 
Interessen und Ideale“ habe, war zu Anfang verneint worden; Später gab der 
Vater eine Wandlung zu; die Mutter aber machte noch nach drei Monaten, 
kurz vor Abbruch der Behandlung, die aus anderem Züsammenbhang be- 
glaubigie Bemerkung, „er Solle Sich nicht 80 viel um gein Inneres kümmern, 
das Seien doch nur phantasievolle Pläne und jugendliche Ideale“. Der Kon- 
flikt. den das Motto dieser Arbeit ausspricht, wurde hier manifest. 
Ich lasse als Kinblick in das Seelenleben des jungen Karl N. ein Stück 
einer Aufzeichnung folgen, die er Spontan im Laufe der Behandlung brachte, 
und die als .„Beichte“ wertvolle Aufschlüsse gibt: 
„Bis zu meinem 13. Jabre ging mein Leben wie das aller Kinder bin. 
Dann kam der Krieg und der Vater kam ins Feld. Die Mutter konnte sich 
unmöglich 80 mit mir befassen, wie es Sonst der Fall gewesen wäre. Ich 
wurde umgeschult“ ... In dieger Zeit begannen Konflikte mit der Umgebung. 
Er fand keinen rechten Anschluß, „mochte keinem nachlaufen. 580 kam ich 
denn aus Trotz in den Kreis, den man allgemein als „Klassenrowdies“ be- 
zeichnet. Schon da fing, unbewußt erst, ein Beobachten bei mir an. Ich fand, 
daß die meisten Lehrer Pedanten waren, daß Sie nicht nach den Umständen, 
und dem Allgemeinwissen, Sondern nach dem Paragraphen urteilten.“ Wo 
der Unterricht ihn interessierte habe er auch etwas geleistet. -- Er füblte Sich 
eingam und unyerstanden: „da ſing ich nun an, den guten Ratschlägen 
der Kameraden zu folgen, da ich eben damals Schon einen Blitzableiter 
brauchte. Ich verguchte es mit Sexuellen LKrlebnissen. Zuerst machte es 
mir Spaß, dann aber und 80gar recht bald trat die Reaktion ein. Krstens 
fragte ich mich, was hast du nun davon gehabt? zweitens wo nimmst du das 
Geld her, um deine Schulden zu bezahlen? Denn die Kameraden S8chossen es 
einem natürlich Sehr bereitwillig vor. Sollte ich damit zu meiner Mutter 
gehen, hätte Sie dafür Verständnis gehabt?“ ... Da er gern Landwirt werden 
wollte, kam er dann 21 jährig aufs Land. „Aber batte ich da Menschen ge- 
funden, die auch nur ein klein wenig Sich um ihr eigenes oder um das Innen- 
leben ihrer Mitmenschen kümmerten? Ich muß es wohl mit Nein beantworten. 
Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit, aber nach der Arbeit auch kein 
| 1Keyserling, Khebuch; WaSSermanns Roman „Laudin und die 
Seinen“: E. Stern, Sammelbuch „Die Erziehung und die Sexuelle Frage“.
	        

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