Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Yom „Verbrecher aus Schuldbewußtgein“. 139 
immer wieder „PFreundschaft“ gucht: „Du Schreibst“, heißt es 
charakteristisch in einem ihrer Briefe, „daß du in mir nicht die 
erete Beste, Sondern eine unzertrennliche Freundschaft guchst“. --- 
3ie aber 8ei Schnld, daß es anders war. Denn gie »„Vergesse Keinen 
Augenblick daran, daß er ein Mann 864.“ -- Das „Lustprinzip“ 
Freuds in Gegtalt der Triebbefriedigung fand immer wieder 
nur zu leicht Erfüllung. Die V erSagung traf hier wie 80 oft 
die höheren Strebungen. Als er eine Zeit eine Secelische Be- 
ziehung mit einem jungen Mädchen fand, wo er nicht im ent- 
ferntesten „an Sexuellen Verkehr zu denken brauchte“, gab das 
Seinem Leben eine Befriedigung. Immer wieder zeigte die Aus- 
Sprache mit ihm, wie groß in allen Schichten der Gegellschaft die 
Versuchungen und Verführungen Sind, denen der Heranwachgende 
preisgegeben ist. Ärztlich-psychologische Beobachtungen und 
Schilderungen der modernen Literatur bestätigen gleicherweise, 
daß hier kein übertreibender Linzelfall, Sondern ein in ungerer 
Zeit typisches Schicksal vorliegt. Man konnte auf Grund geines 
Erlebens verstehen, daß er wiederholt über die „Komödie des 
Lebens klagte, wo alles nur nach Geld und Sexualität jagt“ -- und 
daß eine Seiner ersten Fragen an mich lautete: „Was Soll man denn 
achten am Menschen?“ Um 80 eindruckgvoller war es, als in ihm 
die Erkenntnis aufbrach, daß es „Höheres“ gebe, als er gelbst SPoN- 
tan darauf kam, daß er bigher nur die „wilde“, nicht die „geistige 
Freiheit“ kannte, als er das Wort von der „Lhrfurcht“ fand, zu 
der gerade die gegschlechtliche Aufklärung hinführen mügse. Je 
mehr man Sich in gein Leben vertiefte, um 80 mehr wurde bestätigt, 
daß Sein innerer Drang zum Guten, zur „gemäßen Entfaltung“ aufs 
Schwerste gefährdet war, daß er „Krampfhaft nach Mengchen 96- 
Sucht“ hatte, und daß der Mangel an Verständnigs, die geeligche 
Enttäuschung ihn verbittert und verwahrlogt hatte. Aus Miß- 
trauen und Kränkung verbarg er „Sein Inneres hinter der Magke“. 
Wie 80 oft, war es auch in diesgem Falle nach Wochen meiner Be- 
mühung kaum möglich, dieses Innere den Eltern verständlich zu 
machen, glaubte der Vater doch als Abhilfe für die innere Krigis 
»„erotisch-Sexuelle Entspannung“ zulasgen zu gollen (1); daß es auf 
Secelische Notwendigkeiten ankam, die erfüllt werden mußten, 
war nur mit größter Mühe üheoretisch, nicht aber praktisch wirk- 
Sam zu klären. | 
Es ließen Sich noch manche Charakterzüge verdeutlichen: eine 
große und echte Liebe zur Natur und zu Tieren, in der er ein ge- 
wiSSes Ventil fand, phantasgievolles Ausspinnen einer „Tagtraum- 

	        

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