Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

340 TK. Michaelis: 
welt“ als Ersatz für die mangelnde Seelische Erfüllung, wo er 
„"traf- und Besserungsaktioneh gegen die Schlechtigkeiten dieger 
Welt“ unternahm (vergleichbar in gewisser Weise der Idee der 
vchillerschen „Räuber“). Man wird auch aus dem Gegagten den 
Eindruck gewinnen, wie viel „inneres ötreben“ hier ohne Ausdruck 
blieb, der „Ausdruckshemmung“ unterlag, die auch nach Klages 
„den Schlüssel zum Verständnis des Verbrechertums unsgerer Tage 
gibt“. Erst indem man „die höheren Gefühle, das 
Eigentümliche des Ich ergründete“, war ein Ver- 
Ständnis des Falles möglich, das von der „Trieb- 
Seite“ ausniezu gewinnen war. Die „Idealität“ war nicht 
aufgezwungen, Sondern Ausdruck innerster Sehnsucht. Ihre Ver- 
bildung und Versagung führte zum Bruche, zur Erkrankung in 
Form der „Verwahbrlogung“. Weil nicht geine „Liebe“, nur Sein 
„Begehren“ Antwort fand, krankte er an Sich gelbst, wuchs Sein 
inneres „vChuldgefühl“, geriet er Immer tiefer in Trotz und Ver- 
wirrung bis zur krampfhaften Betäubung und Selbsterniedrigung, 
zur Sozialen Kntgleisung „aus Schuldbewußtsein“: „380 geschieht es 
wohl, daß gute Naturen verwildern auf dem Wege zum Begsten“ 
(Nietzsche). 
Ich habe während einer Zeit von drei Monaten durch diesSes 
Labyrinth vordringen können, und die genauen, hier leider nur ganz 
Skizzenhaſft aufzuzeigenden Aufzeichnungen lasSen noch nach 
Jahren vor mir Selbst das Bild des oft ungestümen, aber tief inner- 
lichen Ringens erstehen, das unter der Hülle von Vergschlossenheit, 
bis zum Mißtrauen gesteigerter Menschenscheu und s8cheinbar 80- 
zialer Unbrauchbarkeit zum Durchbruch kam. Ich konnte die 
Phasen der Wandlung und zeitweilig Stürmischer Beglückung der 
„Selbstentdeckung“ verfolgen, aber auch die BErschütterungen, 
wenn er nachweislich immer wieder zu Hause mißverstanden und 
in Sich zurückgetrieben wurde. Ich habe Schon andeutend be- 
Schrieben, wie Schwer es auf die Dauer war, bei den gelbst unfreien, 
in Konflikte verwickelten Eltern Gehör für die Seelischen Forde- 
rungen zu finden, die aus der Entwicklung des Sohnes erwuchsen. 
vie haben die vorläufige BesSerung trotz meiner Warnung als end- 
gültig nehmend, ihn vorzeitig aus der Behandlung genommen, und 
nachdem der zu erwartende Rückschlag eingetreten war, nichts 
Besseres zu tun gewußt, als den Sohn nach dem Ausgland zu trans- 
portieren, damit er Sich dort allein durchs Leben Schlage. 
Die Zweifel, die ich Selbst damals baben Konnte, wo leider 
infolge des Jungen Entwicklungsstadiums der Heilpädagogik und
	        

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