Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

I. Stern: Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes. 145 
der eingangs erhobene Vorwurf, daß Sich die Psychologie mit 
diegen Situationen verhältnismäßig wenig beschäftigt hat; in den 
jolgenden Erörterungen 8o01ll die Stiefkind-Situatilion be- 
trachtet und der Aufbau des Charakters des Stiefkindes an Hand. 
einiger Beispiele untergucht werden. 
Über die Psychologie des Stiefkindes liegen aus neuerer Zeit 
zwei Untersuchungen vor, eine Arbeit von Alice Rühle“, die das 
Problem vom Standpunkt der Adlerschen Individualpsychologie 
aus behandelt, und eine Arbeit von Fritz Wittels“", der das 
Problem mehr psychoanalytisch erörtert. Beide Arbeiten bringen 
wertvolle Gedanken; Sie zeigen Im übrigen, daß, 80 gehr Sich die 
beiden Schulen auch befehden, ihre Anschauungen doch Keineswegs 
einander ausschließen, Sondern Sich in manchen Punkten wegent- 
Jich zu ergänzen vermögen. | 
Alice Rühle betont mit Nachdruck, daß man nicht öStief- 
kind is t, Sondern Stiefkind wird, und daß es entscheidend für 
das Verhalten im Leben ist, wie man BStiefkind wurde, ins- 
besondere, ob Vater oder Mutter oder beide Eltern gestorben Sind, 
ob Sie geschieden 8ind, getrennt leben, welches Alter das Kind 
hatte, als die Stiefkindsituation eintrat, ob das Kind Geschwister 
hat, ob es mit dem fehlenden und erSeizten Elternteil eng ver- 
wachgen war usw. Entscheidend für die SeeliSche Wandlung, die 
Sich mit dem Kinde vollzieht, ist der Situatlonswechsgel, das 
Eintreten einer neuen Pergon in Seinen Lebenskreis; dies bedeutet 
eine Belastungsprobe, welcher der Mut des Kindes im all- 
gemeinen nicht gewachgsen ist. Jeder neue Mensch stellt dem Kinde 
eine neue Aufgabe: das Kind muß Sich mit dem neuen Menschen 
und mit der durch Ihn geschaffenen Atmosphäre augeinandergetzen.. 
Auf diese Augeinandergetzung wird das Kind nicht langsam vor- 
bereitet, es wird vielmehr vor eine vollendete Tatsache gegtellt. 
der es nicht entgehen, in die es nicht hineimnwachsen kann, Sondern 
der es Sich ragch, von einem Tag zum anderen anpassen muß. Hinzu 
kommt, daß auch der Krwachsene Sich in einer neuen Situation 
befindet, 80wohl der neu hinzukommende, wie auch der andere 
(bezw. die anderen) und daß sich hieraus eine Komplikation ergibt. 
Das ZugSammenleben der Stiefkinder mit den Kltern beginnt 80 mit 
gegengeltiger Befangenheit, mit Angst, Mißtrauen, Widerstand, 
1! Vgl, Alice Rühle, Das Stiefkind. (In der Sammlung „Schwererziechbare 
Kinder“.) Dresden 1927; Verlag Am anderen Ufer. | m 
? Fritz Wittels, Die Befreiung des Kindes. (Bücher des Werdenden, Bd. 3) 
Stuttgart, 1927; Hippokrates-Verlag. |
	        

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