Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

146 KE. Stern: 
gegensgeitiger Entwertung -- nur daß der Erwachsene, der die 
Macht begitzt, diese Gefühle besger verschleiern kann als das Kind. 
Der Erwachsene und nicht das Kind gestaltet die 
Beziehungen, das Kind muß S8ich einfügen.“ Dabei 
Sind nun die mannigfachsten Entwicklungen möglich: der Stief- 
vater kann, aus dem Gefühl der Ungicherheit heraus, tyrannisch 
werden, die Stiefmutter kann, um das Kind für Sich zu gewinne, 
es zuerst mit einem Übermaß an Zärtlichkeit überhäufen, das An- 
Sprüche erweckt, die auf die Dauer nicht zu befriedigen 8ind. Die 
Kinder können dann entweder zu einer Lockerung der Ehe treiben, 
indem der betreffende Teil „Seine“ Kinder, die er von dem vtief- 
teil ungerecht behandelt wähnt, in Schutz nehmen zu Sollen meint, 
womit endlose Konflikte beginnen; oder aber er stellt Sich zu dem 
Khepartner und mit ihm gemeinsam gegen die Kinder: dann werden 
diese Sich ungerecht behandelt, vernachlässigt fühlen und nach 
neuen Sicherungen Suchen. Kommen nun noch Kinder hinzu, dann 
erScheinen diese als Konkurrenz. Entscheidend für das Verhalten 
iSt immer die Vorgeschichte, der Lebensplan, wie ordnet sich 
die neue Situation in diesen ein? Stiefkindwerden iSt ein 
Milieunwechsel, den der mit starken Minderwertig- 
keitsgefühlen Belastete besonders Stark emp- 
findet; er wittert Niederlagen und beginnt, Sich durch aggressive 
und direkte Charakterzüge und Verhaltensweisen zu Sichern, 
Trifft das Kind auf den erwachsenen Gegenspieler, dem 
es im Stillen ebenso geht, dann ist die Bagis für Konflikte 
gegeben. 
Wittels Sieht die Grundlage der Charakterveränderungen 
des Stieſkindes in einer Störung der HLibidinögen Beziehungen zu 
den Kltern. In dem Kinde, das frühzeitig von den Kiltern getrennt 
wird, muß Sich als Grundzug Seines Wesens eine unstillbare 
SchngSucht nach Kltern und Zärtlichkeit entwickeln. 
Diese findet aber keine Befriedigungsmöglichkeit. Denn Sgelbst 
wenn der Stiefvater oder die Stiefmutter (Wittels spricht eigent- 
lich nur von der Stiefmutter) mit den besten Absichten und Vor- 
Sätzen in die neuen Beziehungen eintreten, 80 Steht auf geiten der 
Kinder doch ein Mißtrauen und auf Seiten der Bitern die 
Tendenz, die eigenen Kinder den vStiefkindern gegenüber zu be- 
1! Vgl. zu diesen Ausführungen beSonders auch das Buch von Fritz Künkel, 
Einführung in die Charakterkunde auf individvalpsychologischer Grundlage. Leipzig, 
S. Hirzel, 1928, Künkel gibt in klarer Weise die theoretischen Grundlagen für die 
hier behandelten Probleme.
	        

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