Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes. 147 
vorzugen. Hinzu kommt die ÖdipusSituation: heiratet der 
Yater zum zweiten Male, 80 tritt die Tochter der Stiefmutter mit 
Feindschaft entgegen, weil Sie an den Vater gebunden, in ihn ver- 
liebt ist und die Mutter nun als diejenige betrachtet, welche die 
Beziehungen zwischen ihr und dem Vater stört; der Sohn hingegen 
iSt an die erste Frau, die eigene Mutter fixiert und kann Sich nicht 
von neuem binden. Die Folge ist Haß und Widerstand der Mutter 
aber auch dem Vater gegenüber, der ihnen die neue Mutter, die 
Stiefmutter gegeben hat. Begsonders gefährdet ist das Verhältnis 
bei der Stiefmutter; hat Sie keine eigenen Kinder, 80 wird Sie un- 
zufrieden Sein und fürchten, gegen die erste Frau nicht aufkommen 
zu können. Ihr gegenüber kann 8ich aber auch der Haß un- 
gehemmter austoben. Die Folge werden Schwere VFehlentwick- 
lungen bei den Kindern Sein, Verwahrlogung, Neurogen, 
Charakterveränderungen, die dem Laien meist unverständlich er- 
Scheinen. 
Einen weiteren Faktor, der allerdings mehr die Stiefmutter als 
das Stiefkind betrifft, führt Wulffen“ an: „Der Haß gegen das 
Stiefkind hat zweifellos eine Sexuelle Wurzel. Das .Stiefkind er- 
innert die zweite Gattin an die Liebesfreuden ihres Mannes mit 
Seiner ersten Frau; eine Sexuelle Eifergucht gegen die Verstorbene 
miScht Sich ein. Dazu kommt der mütterliche Kgoismus für die 
eigenen leiblichen Kinder. Meist oder in höherem Grade richtet 
„Sich der Haß der Stiefmutter gegen die Stieftochter, zumal wenn 
diese (Schneewittchen) Sich durch weiblichen Liebreiz vor der 
Mutter oder deren leiblichen Töchtern auszeichnet. Auch hier ist 
der Sexuelle Untergrund deutlich erkennbar.“ Diese hier vertretene 
AuffasSung berührt Sich Sehr eng mit der psychoanalytischen; der 
Haß der Mutter auf die Tochter würde eine Übertragung des ur- 
Sprünglich deren Mutter geltenden Hasses Sein, einen Sexuellen 
Untergrund begitzen, auf Eifersucht basieren; hinzu kommt aber 
noch, daß die Mutter in der Stieftochter die Partnerin fürchtet, be- 
Sonders dann, wenn die Tochter bereits älter und ihr an Reizen 
überlegen 1st und daß auch die Tochter in der Stiefmutter die Kon- 
kurrentin haßt. (Weibliche Ödipussituation im Sinne der Psycho- 
analyse.) | vim 
Es Sei hier nur kurz bemerkt, daß die „Stiefkind-Situation“ 
nicht allein im Märchen eine große Rolle Spielt, Sondern daß 8ie 
auch 8onst gelegentlich in der Dichtung verarbeitet worden ist; 80 
 
1! Erich Wulffen, Das Weib als Sexualv2rbrecherin 8. 267. Berlin, P. Langen- 
Scheid, 1923, | | 
Zeitschrift für Kinderforschung. 34, Band. 11
	        

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