Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

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gibt uns der erste Teil von Dickens" „David Copperfield“ eine 
überaus eindringliche und Ppsychologisch feine Darstellung des 
Stiefverhältnisses; in Clara Yiebigs Roman „Die Passion“ ist 
die Situation des Stiefkindes gleichfalls behandelt; in YPhomas 
Manns „Zauberberg“ ist der Held nicht nur ein „Stiefkind des 
Lebens“, Sondern auch wie ein Stiefkind aufgewachsen, was für das 
Verständnis mancher Charakterzüge durchaus nicht gleichgültig 
iSt. Daß aber gerade das Märchen 80 häufig das Stiefkind behandelt 
-- und das Vorurteil, mit dem man der Stiefmutter entgegenkommt, 
wird in weitem Ausmaß durch das Märchen beeinflußt --, würde 
die PSsychoanalyse damit erklären, daß im Märchen eben Ur- 
Situationen, Urkonflikte zum Ausdruck kommen, Sich gleichgam in 
Ihm Spiegeln. 
Wir wollen nunmehr einige Beobachtungen anschließen und 
fragen, ob und in welchem Umfange 8ie die hier vorgetragenen 
AuffasSungen bestätigen. Wenn über Fälle berichtet wird, in denen 
es bereits zu Störungen gekommen ist, 80 8011 damit nicht gegsagt 
Sein, daß es nicht auch vollkommen „normal“ verlaufende Ent- 
wicklungen bei Stiefkindern gibt; daß Sich indessgen auch bei ihnen 
im allgemeinen (oder doch wenigstens vielfach) Andeutungen der 
Charakterzüge zeigen, welche in Fällen, in denen es zu Störungen 
und Konflikten kommt, ausgeprägt Sind, wird nicht unerwähnt 
bleiben dürfen. 
Robert ist 16 Jahre alt, besucht die Obersekunda eines Realgymnagiums. 
Er hat Sich als Kind normal entwickelt, gab zu Klagen keinen Anlaß, lernte 
gut, wurde regelmäßig versetzt. Im Kriege fiel der Yater; Robert war damals. 
6 Jahre alt; er war das einzige Kind, dem Sich die Mutter nun voll und ganz 
anschließt. Obwohl die Ehe nicht begonders glücklich gewesen war, wird der 
Vater dem Knaben nun als Vorbild hingestellt, und in der Erinnerung an 
den YVYater erzogen. Zwei Jahre nach dem Tode des Vaters heiratet die 
Mutter wieder; der zweite Mann nimmt sSich in durchaus liebevoller Weise 
des Knaben an, und es kommt in der ersten Zeit zu keinerlei Konflikten. 
Es Scheint im Gegenteil alles Sehr gut zu gehen. Nach einem Jahr stirbt die 
Mutter an den Volgen einer während der Gravidität aufgetretenen Tuber- 
kulose. Der Knabe bleibt dem Vater allein überlassen; der Tod der Mutter 
batte auf den Knaben, der damals 9 Jahre alt war, einen gehr großen Lin- 
druck gemacht. Mit dem Vater steht er gut. Als er 14 Jahre alt ist, heiratet. 
der Vater wieder; die Hochzeit findet während der großen VFerien -- Robert 
iSt während derselben in der Sommertrische -- Statt, und als Robert, nichts 
ahnend. nach Hauss kommt, findet er die „neue Frau“ vor. Er war erst Sehr 
unglücklich, habe Tage bindurch überhaupt nicht gesprochen, wollte Sich 
einschließen, aber der Vater habe dies Sehr ebhergisch verboten und von ihm 
verlangt, daß er der „Mutter mit Liebe entgegenkomme“. Es ist dann ge- 
legentlich zu „Auftritten“ gekommen; Robert mußte immer nachgeben. Die 
Mutter, die wegentlich Jünger als der Vater ist -- Robert habe dies als be-
	        

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