Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes. 149 
gONders kränkend empfunden, daß Sie „nicht viel älter als er Selbst“ Sei -- 
habe es dann aber, wie der Vater hervorhebt, verstanden, Sich durchzusSetzen. 
Robert habe es gelernt, Sich einzufügen. Es sei dann Monate lang gut ge- 
gangen, bis vor etwa einem Jahr der Junge plötzlich „Sich zum Schlechten 
verändert“ habe: er blieb zwei Tage der Schule fern (zu Hause hatte er von 
einem zweitägigen Ausflug gesprochen), kam nicht nach Hause, während er 
1 der Schule von einer Erkrankung der Großmutter erzählte. Da er bisher 
zu Klagen keinen Anlaß. gegeben hatte, glaubte man ihm zunächst; dann 
wiederholten gich ähnliche Vorkommnisse. Immer erfand er Ausreden; auf 
die Frage, wo er gewesen, verweigerte er jede Auskunft; auch Strafen Seien 
ohne Erfolg gewesen. Er babe der Stiefmutter Geld abgeschwindelt, zum 
Schluß entwendet. Kürzlich habe er in der Schule Geld Sammel Sollen; 
anstatt es abzuliefern, habe er einen Revolver gekauft und Sei wieder zwei 
Tage von Hause fortgeblieben; angeblich habe er überhaupt nicht mehr 
nach Hause kommen wollen; er wollte nach Hamburg oder Bremen und von 
dort aufs Schiff. Der Lehrer hat dann den vStiefvater kommen lassen, ihn von 
den QGegehehnisgen unterrichtet und ihm gesagt, er halte den Jungen für 
krank; deshalb wolle er von jedem Vorgehen abgehen, aber er empfehle doch, 
den Jungen in einer Erziehungsanstalt unterzubringen, in der er die richtige 
Behandlung erfahren könne. - 
0 weit der Bericht des Vaters, der einen durchaus verständigen Lin- 
druck macht und der offensichtlich bemüht ist, dem Jungen zu helfen. Er 
Sagt von Sich, er könne ein eigenes Kind auch nicht besser und liebevoller 
behandeln, zumal er gelbst weder aus erster noch aus zweiter Ehe Kinder 
habe. Der Junge gelbst berichtet nun -- ich fasSe das langsam geWwONNene 
Material in wenigen Sätzen zusammen --, daß der Vater Sehr gut zu ihm 
Sei, daß aber die Mutter, die doch nur ein wenig älter 8ei als er „Sich auf- 
Spiele“ und ihn immer wie ein Kind behandele; das babe ihn Sehr verletzt, 
besonders da der Vater in der ersten Zeit immer ibre Partei genommen babe. 
Jetzt gäbe der Vater ihm mehr Recht, er babe wohl sSelbst gesehen, was er 
von der Mutter zu balten babe. Der Junge hat eine ausgesprochene Lin- 
Stellung gegen die Mutter, die er als „Mutter“ überhaupt nicht anerkennt. 
Gewiß gei die Mutter in der ersten Zeit freundlich gegen ihn gewesen und 
jetzt könne er Sich eigentlich nicht über Sie beklagen; aber gie bringe den 
Vater gegen ihn auf, gie treibe gegen ihn. Auch der Vater 8ei Seit der 
Wiederverheiratung weniger nett gegen ihn als zuvor. Er berichtet dann über 
gich gelbst, daß er nie viele Freunde gehabt habe; überbaupt Sei er lieber 
allein als mit anderen Kindern zusammen gewesen. In die Schule Sei er 
nie gern gegangen, das Lernen mache ihm wenig Freude. Er habe schon 
früher abgehen wollen, aber der Vater wollte, daß er das Abitur mache, Jetzt 
: habe er überhaupt keine Lust mehr zur Schule. Am liebsten wolle er 
„Berufssportler“ werden; er Spiele ausgezeichnet Tennis, Fußball, Hockey, 
fahre gut Rad und auch Motorrad könne er fahren. Zum Studium habe er 
wenig Lust; überhaupt möchte er nicht viel arbeiten. 
Schon diese wenigen Angaben Sprechen für ziemlich Stark ausgeprägte 
. Minderwertigkeitsgefühble: ein Kind, das viel lieber allein gspielt als mit 
anderen Kindern zusammen, Scheut im allgemeinen die Ausgeinandergetzung 
mit den anderen, bei der es zu unterliegen fürchtet. Auch in der Schule bat 
er ausgesprochene Inguffizienzgefühle -- er fürchtet das Vergagen; bisher 
gel es Zwar immer besser gegangen als er gemeint habe; aber jetzt Sei eS 
doch Schwer, mitzukommen; er will nichts arbeiten, weil er einmal die An- 
Strengung sScheut, zum anderen. aber dann die Schuld für das Versagen dem 
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