Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

150 . W. Stern: 
Mangel an Fleiß zuschreiben Kann. Daß er gerade Sportler werden möchte, 
hat, wie er Selbst zugibt, den Grund, daß man dabei „Aufsehen macht“, d. bh. 
Sein Geltungsbedürfnis befriedigen kann. So lange die Mutter noch lebte, 
hat er Sich bei ihr immer geborgen gefühlt, der Stiefvater „konnte ihm nichts 
antun“, 80 daß er Sich rasch an ihn gewöhnt habe; aber trotzdem habe er 
Stets das Gefühl gehabt, gein richtiger Vater wäre mit ihm viel liebevoller 
g2ewesen; das habe er bei mannigfachen Gelegenheiten empfunden; 80 habe 
er Sich z. B. einmal ein Rad gewünscht, habe auch ein Rad zu Weihnachten 
bekommen, aber kein neues Rad, Sondern ein altes, das nicht mehr Schön 
blank gewesen Sei; ein anderes Mal habe er aus dem Mantel Seines Vaters 
einen Mantel gemacht bekommen: wenn er für den Vater nicht mehr gut 
genug war, weShalb sei er dann für ihn noch gut gewesen? Das würde ein 
richtiger Vater doch wohl nicht 80 machen. Kr gibt dann allerdings zu, daß 
damals wirtschattlich Sehr Schwierige Zeiten gewesen Sind, und daß der 
Vater Sehr mit dem Gelde rechnen mußte. Er habe 8ich aber nie etwas 
merken lassen, er habe alles allein mit Sich abgemacht, wie er Stolz erklärt. 
Auch habe er, trotzdem er in der Mathematik Sehr Schwer begriffen habe, nie 
Nachhilfeunterricht erhalten, was doch notwendig gewesen wäre, und was 
ein richtiger Vater wohl zweifellos auch getan hätte. „>o ist es eben, wenn 
man keine rechten Kitern bat!“ Ky fühlt Sich also Schlechter behandelt, und 
zurückgesetzt als „Stiefkind“, trotzdem --- objektiv betrachtet --- kein Anlaß 
dazu vorhanden ist. Er habe alles ertragen, bis der Vater wieder geheiratet 
habe. Vorher habe der Vater ihm immer die Mutter gerühmt und Sie als 
eine <ehr gute und tüchtige Frau hingestellt, deren früher Tod ihn außer- 
ordentlich Schwer betroffen babe. Jetzt halte er aber zur Stiefmutter, also 
Sei es doch mit der Liebe zur ersten Frau nicht 80 weit her, an die die zweite 
Frau überhaupt nicht heranreiche. Sie Sei aus viel Schlechterer Familie, 
viel häßlicher, aber dem VYater habe 8ie gefallen, weil Sie noch Jung sei, er 
wisse Schon weshalb! Hier gpielt als0o eine secxuelle Komponente deutlich 
mit hinein. Diese Spricht gewiß auch da mit, wo er erklärt, die Frau Sei viel 
zu jung für den Vater, Sic hätte fast Seine eigene Frau werden können! Seit 
der Wiederverheiratung des Vaters und den ersten Familienszenen habe er 
den Wunsch gebabt, von der Schule fortzukommen, und möglichst bald 
Selbständig zu werden, das Haus des Vaters zu verlassen, um für gich allein 
zu leben. Als er das erste Mal die Schule geschwänzt hatte, war er „über 
Land“ gewesen; er wollte gehen, ob er auf dem Lande unterkommen und 
Landwirt werden könne; dabei habe er sSich gegagt, es mache Schließlich 
nichts, wenn man es in der Schule merke, vielleicht Schicke man ihn dann 
fort, und dann Sei er wenigstens die vSchule 108 und könne irgendwo anders 
hin, etwas lernen. An Sich würde er Ja viel lieber studieren, aber er wolle 
nicht zu Haus bleiben. Auf den Widerspruch zwischen der Tendenz, nichts 
zu lernen, und dem doch auch vorhandenen Wunsch zum Studium hin- 
gewiezen, weiß er keine Antwort; aber bei anderer Gelegenheit 8agt er, der 
Vater wolle ihn zwar Studieren lassen, aber er habe doch den Eindruck, daß 
er es nicht gern tue, die Kosten Seien zu hoch --- in der Tat hatte der Vater 
gelegentlich davon gesprochen, daß die Kosten des Studiums gsehr hoch geien 
und daß gie nur dann aufgewandt werden dürften, wenn er Sich Selbst Mühe 
gebe -- und daß ex als vtiefkind doch nur Vorwürfe über die hohen Kosten 
hören würde. Das Geld habe er der Mutter abgeschwindelt und entwendet, 
um es zur Reise zu SParen, wenn er aus dem Hanuse fort wollte; aber er habe 
es dann jedesmal wieder ausgegeben; einmal Sei er mit Mädchen fort ge- 
wegen, um die Matter zu ärgern, die ihn davor gewarnt habe, aber er habe
	        

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