Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes. 151 
mit keiner geschlechtlich verkehrt. Das Geld in der Schule habe er be- 
halten, um fortkommen zu können; den Revolver habe er Sich besorgt, um 
eine Waffe zu haben, weil er nach Amerika wollte. Hier Spielen noch ganz 
abenteuerliche Vorstellungen -- vielleicht auch Suicidgedanken? --- hinein. 
Überblickt man die Lebensgeschichte des Jungen, 80 zeigt 
Sich, daß vier Traumen deutlich nachweisbar Sind: der Tod des 
Vaters, der einen relativ geringen Eindruck auf den Knaben ausübt, 
die Wiederverheiratung der Mutter, die zuerst keine maniſfesten 
Störungen erzeugt, dann der Tod der Mutter, der nachhaltig wirkt 
und endlich die Wiederverheiratung des Stiefvaters, die nun am 
Schwersten wirkt, und Störungen im Gefolge hat, die den Knaben 
in die Verwahrlogung hineintreiben. Es besteht von früh auf ein 
Inguffizienzgefühl, genährt zum Teil durch die Verzärtelung von 
Seiten der Mutter, die Sich ganz und ausschließlich dem Knaben 
widmete und ihn mit ängstlicher Fürsorge umgab. In der Scheu, 
der Schulfurcht tritt das Insuffizienzgefübl deutlich in die Er- 
Scheinung. Durch die neue Situation, der er Sich durch die Wieder- 
verheiratung des Vaters gegenüber Sieht, werden die Inguffizienz- 
gefühle verschärft; nicht daß er zurückgegetzt wird, Sondern daß 
er Sich zurückgegetzt fühlt, Sich benachteiligt wähnt, Spielt die 
wesentliche Rolle. Aber noch 8ind die Hemmungen stark genug, 
noch weiß er Sich bei der Mutter 80 Schr geborgen, daß es zu offenen 
Konflikten nicht kommt. Aber er zieht Sich immer mehr in Sich 
zurück, Spricht auch mit der Mutter nicht über Seine Sorgen und 
Bedenken. Nach dem Tode der Mutter zuerst tiefer gehende Ver- 
Stimmung; er muß Jetzt eines wesSentlichen Haltes entbehren. Aber 
noch treten nach außen hin keine Störungen in die Erscheinung; 
allerdings verschlechtern Sich jetzt bereits Seine Schulleistungen, 
was damals auf die Zunahme der Anforderungen zurückgeführt 
wurde. Als der Vater 8ich aber nun wieder verheiratet, erwacht 
der Widerstand; der neuen Situation erweist er Sich nicht ge- 
wachsen. Der Widerstand richtet Sich zunächst auf die Mutter, 
überträgt Sich aber von dieger auf den Vater; er will fort, aus dem 
Hause, und um das zu erreichen, Schreckt er vor kleinen Unter- 
Schlagungen nicht zurück. Hinzukommt aber bei dem früh ent- 
wickelten Knaben das Sexuelle Moment: die Mutter als die Liebes- 
partnerin des Mannes bedeutet eine Beleidigung der eigenen Mutter, 
während er zugleich auch -- Schon häufig mit dem Gedanken an 
den -Geschlechtsverkehr Spielend -- die Mutter von dieger Seite 
her anglieht („Sie hätte fast meine Frau Sein können“)! Der Knabe 
iSt zweifellos an der „Stiefkindsituation“ gescheitert; vielleicht 
hätten Sich die Schweren Konflikte in der Familie und die ersten
	        

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