Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

152 NK. Stern: 
VerwahrloSungserscheinungen vermeiden lasSen, wenn die ersten 
Anzeichen richtig gedeutet und behandelt worden wären. So blieb 
nichts anderes übrig als die Herausnahme des Knaben aus dem 
Familienmilien, wodurch zunächst ihm, dann aber auch den be- 
Sorgten Angehörigen Ruhe und KLrleichterung geschaffen wurde, 
und dann eine heilpädagogische Behandlung, um die inneren 
Spannungen zu lögen, die letzten Wurzeln des Versagens aufzudecken 
und dem Knaben damit die normale Kinstellung zur „vStieffamilie“ 
zu geben. Es war ein Glück für ihn, daß er einen verständnisvollen 
Lehrer fand und daß auch die Stiefeltern Verständnis für ihn hatten 
und ihn ohne ein Wort des Vorwurfs auswärts unterbrachten. Er 
begucht nun die Schule weiter und hält Sich ausgezeichnet, Seine 
Leistungen, Selbst in der Mathematik haben Sich gebessert, er will 
die Reifeprüfung machen; welchen Beruf er ergreifen will, kann er 
heute noch nicht 8agen, Jedenfalls Sieht er ein, daß Sein früherer 
Wunsch töricht war. 
Wesgentlich kürzer kann ich die folgenden drei Fälle behandeln. In 
dem ersten handelt es Sich um ein achtzehnjähriges Mädchen, die aus guter 
Vamilie Stammend, geit einiger Zeit geschlechtliche Beziehungen unterhält, 
und zwar hat Sie im Laufe von etwa 4 Monaten nun den zweiten „Freund“. Das 
Mädchen hat mit 8 Jahren die Mutter verloren; Sie blieb mit einer Schwestor 
von damals 10 Jahren zurück. Der Vater heiratete nach einem Jahre wieder, 
und der neuen Khe entstammten weitere zwei Kinder. Die Stieimutter war 
zwar Sehr gut zu den beiden Schwestern, aber diese batten doch das Gefühl, 
daß Sie ihre Kinder ihnen vorzöge. Als gie vierzehn Jahre alt war, Starb 
der Vater. Sie beguchte die höhere Töchterschule, dann die Handelsschule; 
aber der Unterricht daselbst war ihr Sehr langweilig, und als Sie nach dem 
Verlassen der Handelsschule in ein Büro kam, fand gie an dieger Tätigkeit 
wenig Freude. Sie wußte nun nicht, was Sie beginnen Sollte. Jedenfalls 
klagte Sie zu Haus Sebr häufig und beschwerte Sich über ihr Unglück; gie 
müsse den ganzen Tag im Bureau Sitzen, Sie könne das nicht vertragen, SIC 
hätte lieber irgend etwas anderes tun Sollen. Als die Mutter gie fragte, was 
Sie denn eigentlich wolle, was Sie lieber getan hätte, wußte gie keine Aus- 
kunit zu geben; die Mutter, eine im Grunde gute, aber verständnislose und 
etwas robuste Frau, Sagte ihr dann: „Meinst Du, ich kann Dich ewig er- 
halten; Du bhast Schon genug gekostet, Du mußt jetzt Sehen, daß Du allein 
fertig wirst!“ Das hat Sie aufs Tiefste verletzt, zumal die Mutter, die Sich 
nach dem Tode des Vaters Selbst nur Schwer erhalten konnte, für die beiden 
otiefbrüder doch nach ihrer Auffasgung viel mehr übrig hatte als für gie. 
Die Schwester hatte inzwischen geheiratet, und es nach ihrer Anschauung 
Sehr gut getroffen. Für gie wäre es, 80 folgerte Sie weiter, auch das Begte, 
wenn Sie möglichst bald heiraten würde; was die Schwegster, die viel weniger 
hübsch Sei als Sie, fertig brachte, müsse ihr auch gelingen. Von Natur leicht- 
gläubig, Suchte Sie nun, Männerbekanntschaften zu machen. Der erste Mann, 
der Sie eines Abends ansprach, als Sie von einem Beguch nach Haus ging, 
erzählte ihr, er habe studiert, dann aber infolge des Todes Seines Yaters Sein 
Studium aufgeben müssen; er Sei jetzt im Gegschäft, bereite Sich aber neben-
	        

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