Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes. 153 
bei vor, Seinen Doktor zu machen, um dann eine große Stellung im Aus- 
land anzutreten, die man ihm angeboten babe, er werde S8ie heiraten, Sobald 
alles „in Ordnung und Soweit“ gei. Um ihn nicht zu verlieren, gab sie Sich 
ihm hin; als Sich dann herausstellte, daß alles erlogen 863, fand 8ie bald 
einen zweiten, der gie genau 80 belog, und dem gie genau 80 glaubte. Das 
Grundmotiv bei ibr war: ich muß beiraten, um vergorgt zu Sein, weil mich 
niemand liebt, weil ich überall Sonst herumgesgtoßen werde; die Mutter mag 
mich nicht im Hause haben, die Schwegter auch nicht; ich werde auch bei 
der Arbeit nicht froh, Sie bedeutet für mich einen unangenehmen Zwang; ich 
darf binter der Schwester nicht zurückstehen, ich will auch der Mutter be- 
weigsen, daß ich auf gie nicht angewiesen bin. Unerfahren und leichtgläubig, 
mußte gie das Opfer des ersten Betrügers werden. 
Der zweite Fall betrifft einen jungen Menschben von 17 Jahren; er batte 
vor 3 Jahren die Mutter, an der er zärtlich hing, verloren; vor einem Jahr 
heiratete der Vater wieder, der bereits über 50 alt war, ein Mädchen von 
20 und nun begann der Konflikt. Mit dem Vater, der etwas verschrobene 
Angichten bat, batte er nie begonders gut gestanden, während er Sich nun 
an die Stiefmutter anschloß. Diese ließ gsich die Huldigungen des Jungen 
Mensgchen gern gefallen und Suchte ihn immer mehr an Sich zu fesseln und 
in ihren Bann zu ziehen. Kine große Zuneigung für ihren Mann empfand Sie 
kaum, gie hatte ihn, der in gesicherten Verhältnissen lebte, im Wegentlichen 
geheiratet, um versorgt zu gein (Sie war vorher eine kleine Angestellte in 
einem großen Betrieb gewesen), Ja Sie machte Sich wohl im Stillen etwas 
über den „Alten“ lustig. Der Sobn war einerSeits auf den Vater böse, weil 
er ihm eine Stieſmutter gegeben hatte, die er als Mutter nicht anerkennen 
mochte, die ihn aber anderergeits erotisch anzog -- was die Stiefmutter 
genau empfand und noch förderte. Sie ließ Sich von dem Jungen Blumen 
bringen und begleiten, wobei sie ihn mit Vorliebe unterfaßte. Nunmehr 
wurde der Vater auf den Sohn eifergüchtig, und es kam zu den Schwersten. 
Auftritten in der Vamilie. Der Sohn, der gsich zu Unrecht beschimpft fühlte, 
wurde ausfallend gegen den Vater, und als dieser ihn Schlagen wollte, ging 
er in Seiner Wut auf den Vater los, der ihn nun aus dem Hausge wies, ihm 
die Tür versperrte, 80 daß der Junge plötzlich auf der Straße Stand, obne 
alle Mittel und gich gelbst übsrlasgen. Schließlich holte die Stiefmutter ihn 
zurück, er ließ Sich überreden -- was blieb ihm auch übrig, wenn er nicht 
herum vagabundieren wollte -- es kam zu erneuten Auftritten, diesmal aber 
war der Vater wesentlich ruhiger und man überlegte, wie ein Ausweg zu 
finden Sei, der nur in einer Herauslögung des Jungen aus dem Milieu be- 
Stehen konnte; nur dadurch war die Rube aller Beteiligten wieder herzu- 
Stellen. 
Auch in diesgem Falle erscheint die „vStief-Situation“ als aus- 
Schlaggebender Faktor, allerdings in einer eigenartigen Aus- 
prägung, die indesgen doch, wenn auch in etwas abgemilderten 
Formen, keineswegs Selten ist. Die Gefahr, der hier der Sohn unter- 
legen ist, liegt überall da nahe, wo ein Vater mit Kindern im ge- 
Schlechtgreifen Alter eine Sehr Junge Frau heiratet, die er Selbst 
gesSchlechtlich nicht mehr voll zufrieden Stellen kann, wie es auch 
in dem hier erwähnten Fall zutraf. Wo nun der Stiefsohn gelbst die 
Frau nicht als Mutter anerkennt, gie in dieser Rolle haßt, Sich aber
	        

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