Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

154. KE. Stern: 
doch ihrem Einfluß nicht zu entziehen imstande ist, da Kann es zu 
Komplikationen wie den geschilderten kommen. Hier mag die 
Identifizierungstendenz im Sinne der Psychoanalyse und ein Wieder- 
aufleben des Ödipuskomplexes in einem Alter, in dem dies be- 
Sonders verhängnisvoll ist, eine Rolle Spielen, und zu einer Zu- 
Spitzung der Verhältnisse beitragen. Auch hier wieder muß 
übrigens bemerkt Sein, daß es Sich um einen Sehr empfindlichen 
und immer von IJnsguffizienzgefühlen gequälten jungen Menschen 
handelt, der Sich besonders dadurch gehoben fühlt, daß die vtief- 
mutter ihn anerkennt und mehr zu Sich herüberzuziehen Vvergucht, 
auch mehr zu ihm hält als zum Vater, daß gie Sich gern von ihm 
den Hof machen läßt, wobei er Sich in keiner Weise im klaren ist, 
daß die etwas enttäuschte und verbitterte Frau mit ihm nur Ihr 
Spiel treibt; er nimmt alle ihre Worte und Ermutigungen durch- 
aus ernst. Der Sohn empfindet Sein Verhalten der Stiefmutter 
9egenüber Selbst als Unrecht, wobei er Sich einmal vorwarf, es Sei 
„eigentlich ein Verrat an Seiner richtigen Mutter“ -- über die 
wahre Natur Seiner Beziehungen zur Stiefmutter war er Sich nicht 
vollkommen im klaren --- während er zugleich auch ein unbestimm- 
bares Schuldgefühl hatte. 
Und endlich ein letzter Yall. Es bandelt Sich um 4 Geschwister, ein 
Knabe von 16, zwei Mädchen von 14 und 11, ein Knabe von 7 Jahren, die 
im Verlaufe weniger Wochen beide Litern verlieren. Als die Frage erörtert 
wird, was mit den Kindern geschehen Soll, erklärt der ältere Junge Sofort, 
er wolle aus der Schule genommen werden und irgend einen praktischen 
Beruf ergreifen, bei dem er im Hause des Lehrmeisters wohnen könne; er 
wolle nicht von irgend welchen fremden Menschen aus Gnade aufgenommen. 
werden. Er hat Interesse für das Hotelfach und will zunächst die Küche 
erlernen, um dann Später gich mit den anderen Zweigen vertraut zu machen 
und Hoteldirektor zu werden. Obwohl man dies nicht für ganz „Standes- 
gemäß“ hält, gibt man ihm doch nach; 80 verläßt er die Vaterstadt. Der 
Jüngste Knabe, der Schwächlich und kränklich ist, wird zuerst bei den 
(zroßeltern untergebracht, und kommt dann später nach dem Tode der Groß- 
mutter in ein Waisenhaus. Die beiden Schwestern, die Sehr aneinander- 
hängen, werden getrennt, die eine wird von einer Vamilie aufgenommen, die 
keine Kinder hat und die Sich Sehr um 8ie bemüht; gie ordnet Sich leicht ein, 
es kommt nicht zu Konflikten; die jüngere hingegen, die immer gehr eigen- 
Sinnig und Jjähzornig war, wird zu Verwandten gebracht, um gemeinsam mit 
deren etwa gleichaltriger Tochter erzogen zu werden. Hier beginnen nun 
Schr bald ernste Störungen; Sie füblt Sich dauernd zurückgesetzt, ist auf die 
Cousine eifergüchtig, Sucht Sie herabzugetzen, wo immer g8ie nur kann. Sie 
erfindet Geschichten, um ihr zu schaden, Schlägt Sie usw. Die Pflegeeltern 
drohen, man würde gie fortschicken --- ohne Erfolg. Man Schickt gie fort in 
ein Landschulheim, wo gie Sich gut hält. Mit 13 Jabren kommt gie wieder 
zurück, Sofort beginnen die Konflikte von Neuem. Man gibt zie in eine 
fremde Familie. Sie beklagt Sich über Schlechte Behandlung und Zurück-
	        

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