Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

Beitrag zur Psychologie des Stiefkindes. . 155. 
SeLZUNg -- es Sind keine anderen Kinder dort --, bält Sich aber im Ganzen 
gut. Sie drängt darauf, aus der Schule genommen zu werden, um einen 
Beruf zu ergreifen und gelbständig zu werden; Sie kommt mit 14*/» Jahren. 
auf die Handelsschule; dort gefällt es ihr nicht, wieder beklagt gie gich 
darüber, daß nicht genug für Sie geschähe; der Unterricht gefiele ihr nicht; 
die Angehörigen und der Vormund drängen darauf, daß gie erst einmal die- 
Handelsschule absolvieren Solle. Das wirkt für einige Zeit, dann wieder: 
erneute Beschwerden. Kaum Sgechzehnjähbrig, fängt Sie mit Jungen Be- 
ziehungen an; Sie brauche Mengchen, die gie lieb haben könne. Man ver- 
Schafft ihr eine Stellung, gie bleibt zwei Monate, ohne Sich irgendwie an- 
zusStrengen und einzuarbeiten, bleibt dann ohne Kündigung fort; das wieder-- 
holt Sich noch einmal. Mit 17 Jahren läuft gie fort, Schreibt dann von aus-. 
wärts an den Vormund, Sie käme nicht wieder zurück, 8ie ginge zur Bübne, 
bleibt dann längere Zeit verschollen und wird gpäter in einem Kabarett 
entdeckt. 
Auch In diesem Falle Spielt der plötzliche Tod der Kltern und. 
die Unterbringung bei Verwandten, bei denen Sie Sich nicht wohl 
fühlt, eine entscheidende Rolle für das SchickSal des Mädchens. 
Gewiß handelt es Sich um ein „Sensibles“ Kind, das immer Schon. 
etwas Schwieriger war als die anderen Kinder; aber gerade des- 
wegen war Sie auch der veränderten Situation Sehr viel weniger 
9g6wachsen als 81e, die Sich Ihr -- Jedes auf Seine Weise --- anpasSen. 
konnten. vie hing Sehr an der älteren Schwegter, und Sie empfand 
gerade die Trennung von ihr als besonders Schwer; auch an den 
Kltern hing 8ie mehr als die anderen, und Sie Sah Sich nach deren. 
Tode, nach der Lösgung von der Schwester, hineingestellt in eine- 
neue Familie, von der 81e Im voraus glaubte, daß man Sie der 
eigenen Tochter gegenüber zurückgetzen würde, völlig isoliert und 
hilflos -- den neuen Verbältnisgen nicht gewachgen. So kam es. 
zu den ersten Konflikten, die noch verhältnismäßig harmlos waren. 
In einer angemessenen Umgebung (Landschulheim) bewährte gie- 
Sich; leider mußte Sie aus diesgem herausgenommen werden, da 
geldliche Schwierigkeiten bestanden. In der Familie lebten die- 
Schwierigkeiten Sogleich wieder auf, Berufsausbildung und Berufs- 
tätigkeit befriedigen Sie nicht; immer die gleichen Vorstellungen des 
LZarückgesgetztwerdens; dazu frühzeitig die Tendenz, Sich an 
Jungen anzuschließen. Hier tritt wohl die Sexualität mit in den 
Dienst des Verlangens nach Geltung und Selbstbehauptung. Zu- 
gleich Spielen aber auch andere Motive mit, ein Verlangen nach. 
Liebe, Zärtlichkeit, Bindung. In der Flucht und der neuen „Be- 
rufs“wahl tritt indessen die Tendenz nach Geltung deutlicher her-. 
vor, wobei vermutlich auch das Motiv mitschwingt, den An-- 
gehörigen Aufregungen und Unannehmlichkeiten zu bereiten.
	        

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