Full text: Zeitschrift für Kinderforschung - 34.1928 (34)

156 KE. Stern: 
In den geschilderten Fällen handelt es Sich um Stiefkinder, bei 
denen im Laufe der Entwicklung Störungen aufgetreten Sind. ES 
wurde Schon darauf hingewiesen, daß auch zahlreiche Entwick- 
Jungen vollkommen „normal“ verlaufen, d. b. daß es zu mant- 
festen Störungen nicht kommen muß. Aber es Scheint mir doch 
zutreffend zu Sein, wenn Wittels Sagt: „Tod eines Elternteils 
bleibt immer ein Unglück für die Kinder, das nicht wieder gut ge- 
macht werden kann“; auch da, wo keine Störungen offen zutage 
treten, pflegen Sich doch Charakterzüge auszubilden, die aus der 
Stiefkindsituation resultieren. Das Stiefkind kann noch 80 gut be- 
handelt werden, es wird doch leicht der Gedanke entstehen, es 
werde zurückgegetzt, und es wird der Stiefmutter oder dem vtief- 
vater mit Mißtrauen entgegenkommen. Bei der Bedeutung, welche 
.die affektiven Bindungen innerhalb der Familie zweifellos für die 
Entwicklung des Kindes Spielen, wird aber gerade ein Ausfall an 
Liebe, ein Sich einschleichender Haß, ein Mißtrauen, eine gesteigerte 
Vorgicht für die Charakterbildung von der größten Bedeutung gein. 
Hier hat meines Krachtens Alice Rühle durchaus richtig ge- 
Sehen. wenn 8ie meint, das Kind würde nunmehr erhöhte Siche- 
rungen treffen, Sein Geltungsbedürfnis würde gesteigert; damit 
kann eine Grundlage für Störungen gegeben Sein. Daß sich gleich- 
zeitig ein stärkeres Liebesverlangen, eine ScehnSucht nach Liebe 
und Zärtlichkeit regt, hat Wittels durchaus treffend hervor- 
gehoben. Daß hier Beziehungen, wie ':Sie die PSYchoanalyse als 
„Ödipusbindungen“ dargelegt hat, eine Rolle Spielen, Scheint mir 
Sicher. Für eine Deutung der verschiedenen Züge kommen meines 
Erachtens Sowohl die AuffasSungen von Adler wie die von 
Freud in Betracht, wie ich überhaupt auf dem Standpunkt Stehe, 
daß beide Auffasgungen Sich nicht notwendig ausschließen mügsen, 
daß vielmehr jede die Wirklichkeit von einer Seite her betrachtet, 
aber nicht die ganze Wirklichkeit erfaßt. In dem ersten und 
letzten Fall Scheinen mir die Minderwertigkeitsgefühle im Vorder- 
grund zu Stehen, während die beiden anderen Fälle mehr Sexuelle 
Komponenten zeigen. Das wäre vielleicht noch deutlicher gö- 
worden, wenn wir die Lebensgeschichten ausführlicher als es hier 
möglich war, hätten darstellen könmen. Naturgemäß bildet die 
„oStiefkindsituation“ nir eine Bedingung der Störung, und Alice 
Rühle hat durchaus recht, wenn 8ie hervorhebt, es komme auf 
'den Menschen, auf Seinen Lebensplan an -- wie er die neue 
wätuation in diesen einstellen und von ihm aus gestalten kann. 
Viele Züge Scheinen uns durchaus vVverständlich, 80 das Starke
	        

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